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Unter Männern:Auf Augenhöhe

Jeder sollte einen Lieblingsort haben. Christine Rinner hat ihren vor der Haustür gefunden. Es gilt eine Straße und eine Böschung zu überwinden.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Christine Rinner ist seit März dieses Jahres die Vorsitzende des CSU-Ortsverbands in Lenggries - für die einen eine kleine Revolution, für sie selbst die logische Konsequenz aus vielen Jahren ehrenamtlicher Arbeit

Es hat ihr anscheinend nicht geschadet, dass sie nie in München angekommen ist, damals während ihres Studiums. Christine Rinner macht den Eindruck, rundum mit sich im Reinen zu sein. Vielleicht war das die Eigenschaft, weswegen die Mitvierzigerin zur Vorsitzenden eines CSU-Ortsverbandes gewählt wurde. Und das in Lenggries, was einer kleinen Revolution gleichkommt. Eine Frau an der Spitze der Partei, die im noch immer konservativeren Süden des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen überwiegend von Männern dominiert wird. Ihr selbst sei dieser Gedanke nie gekommen, dass es etwas Besonderes sein könnte, als "junge Frau" den Lenggrieser Christsozialen vorzustehen. Zugetragen habe man ihr allerdings, dass die "Außenwelt" dies schon als kleines Wunder wahrnehme, erzählt sie. "Ich bin bei der CSU in Lenggries, weil es da ganz viele nette Leute gibt."

Ihre Wahl im März 2015 ist für Christine Rinner eher eine logische Konsequenz ihrer umfangreichen ehrenamtlichen Tätigkeiten. Sie ist Bildungsbeauftragte beim Katholischen Kreisbildungswerk, Beisitzerin im Frauenbund Wackersberg, Schriftführerin im Pfarrgemeinderat Wackersberg, 15 Jahre lang in diversen Elternbeiräten, darunter am Gymnasium Hohenburg in Lenggries, stellvertretende Vorsitzende der Frauen-Union - und eben sechs Jahre lang Schriftführerin im CSU-Ortsverband Lenggries. In diesem Amt habe sie viel organisiert. Als der scheidende Vorsitzende Josef Wasensteiner vorschlug, eine Frau könnte den Laden schmeißen, habe sie wohl den Mitgliedern den "geeignetsten Eindruck" gemacht. Einstimmig bei einer Enthaltung habe man sie gewählt. Vielleicht auch, mutmaßt sie, weil sie eine große Freundin von Effektivität sei. Nicht zu vergessen, dass sich der Ortsverband mit einer Frau Mitte 40 ein anderes Image verpasst habe als mit einem Mann um die 60. "Unsere verdienten Mitglieder sind sehr, sehr wichtig", betont Rinner, aber Neue müssten nachkommen. Das sei ihr großes Ziel.

Dabei steht der Ortsverband eh gut da mit seinen 145 Mitgliedern. Wenn es nach Christine Rinner geht, dürften es aber ein paar mehr sein. Diese will sie mit niederschwelligen Angeboten locken. Sie denkt an einen Stammtisch und andere Veranstaltungen. "Mir gefällt es ja, wenn heiß diskutiert wird", sagt sie. Als Gemeinderätin möchte sie sich etwa für eine maßvolle Entwicklung des Ortes Lenggries einsetzen. Wenn die 10 000-Einwohner-Gemeinde "gnadenlos wachsen" würde, bräche "alles Schöne" weg. Sie will das Ehrenamt stärken, den Helfern ihre Arbeit erleichtern. Und man müsse die Zeichen der Zeit erkennen: Die Kinderkrippe werde gut angenommen, "wir brauchen einen Hort", sagt sie.

Das politische Engagement kennt Christine Rinner noch von Zuhause. Die gebürtige Bichlerin ist die Tochter des früheren Bürgermeisters Franz Pfund. Der war ebenfalls bei der CSU, bis es zum Zerwürfnis kam. Flugs wurden die Unabhängigen Bichler Bürger gegründet, Franz Pfund erneut zum Bürgermeister gewählt. Die CSU hatte das Nachsehen. Dennoch stehe sie zu dieser Partei, erzählt Christine Rinner, auch wenn manches falsch laufe. "Nur weil ich katholisch bin, glaube ich der Kirche in Rom auch nicht alles." Da wäre etwa das G 8, ein Thema, bei dem sich die Mutter von drei Töchtern in Rage reden könnte. Oder die Neuorganisation von Studiengängen mit Bachelor- und Master-Abschlüssen. Alles zu wenig durchdacht. Von der CSU fordert sie, dass sich die Partei hinstelle und ihre Fehler eingestehe. Als Gemeinderätin möchte Rinner es besser machen.

Ihr Interesse an der Politik sei schon vor der Wahl ihres Vaters ausgeprägt gewesen. Oft habe sie mit den Schwestern diskutiert - und insgeheim gewettet, wer als Erste von ihnen Bundeskanzlerin werden würde. Der SPD oder den Grünen beizutreten, sei nie eine Option gewesen. "Aber deshalb habe ich kein Bild von Franz Josef Strauß über meinem Bett hängen." Sie habe ja auch keine typische CSU-Karriere hingelegt und sei mit 18 der Partei beigetreten.

Ihre Töchter, 16, 19 und 20 Jahre alt, hätten andere Ansichten. "Die sind eher rot und grün. Eine engagiert sich für Greenpeace." Da gebe es öfters Kontroversen. "Aber lieber so, als wenn ihnen Politik völlig wurscht wäre."

Ein gewisses Maß an Ehrgeiz sei ihr zu eigen, sagt Rinner. Sie selbst schätzt sich als bodenständig ein, wollte aber nie nur Hausfrau und Mutter sein. "Da würde ich einen Vogel kriegen. Es wäre auch schade um meine Fähigkeiten." Nach dem Abitur 1988 am Tölzer Gymnasium studierte sie drei Semester Literaturwissenschaften, Alte Geschichte und Italienisch an der Ludwig-Maximilians-Universität München. In der Großstadt hätte sie sich nie heimisch gefühlt. Neben Büchern sei ihre zweite große Leidenschaft das Kochen gewesen. Sie begann also eine Lehre als Köchin, aber ein Sternelokal kam nicht infrage. Sie machte ihre Lehre im "Alten Fährhaus" in Bad Tölz. Zweieinhalb Jahre blieb sie dort, 1994 kam ihre erste Tochter zur Welt. "Ratzfatz Familiengründung", nennt sie es. Da ihr Mann selbständiger Handwerksmeister sei, habe sie sich um die Kinder gekümmert. Aber auch immer wieder gearbeitet, in Kreuth oder als Bedienung auf einer Hütte am Brauneck. "Das ist ein traumhafter Arbeitsplatz."

Noch immer jobbt sie Teilzeit in der Gastronomie, beim Kramerwirt in Arzbach und im Café Love in Bad Tölz. Ein eigenes Café bleibe ihr Traum. Genauso wie hinaus in die Welt zu ziehen. Mit 18 nach der Schule habe sie sich das nicht getraut, dann seien die Kinder gekommen. "Aber was nicht ist, kann ja noch werden", lacht sie und schaut aus dem Fenster ihres Hauses in Schlegldorf. Eines klappt auf alle Fälle: Ihre älteren Töchter in Berlin und Dresden zu besuchen.

Obschon sie seit Jahrzehnten hier im Isarwinkel daheim ist, vermisse sie eines immer noch: die Sonnenuntergänge im Loisachtal. Die gebe es wegen der Berge im Isarwinkel nämlich nicht.

© SZ vom 05.06.2015
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