Tölzer Tourismus Zwänge und Misswirtschaft

Steht in der Kritik: die Tölzer Kurdirektorin Brita Hohenreiter.

(Foto: Manfred Neubauer)

Tölzer Hoteliers erheben schwere Vorwürfe gegen die Stadt

Von Klaus Schieder

Unter den Inhabern von Sanatorien, Hotels und Pensionen im Tölzer Kurviertel rumort es gewaltig. Der Grund ist das von der Stadt geplante Sanierungsgebiet Badeteil, zu dem gerade vorbereitende Untersuchungen laufen. Die Familienunternehmer befürchten vor allem eines: Die Kommune wolle in ihrem Bestreben, die touristische Entwicklung im Kurviertel zu sichern, ein Vorkaufsrecht auf ihre Grundstücke bekommen. Darin sehen sie eine Zwangsmaßnahme, die ihnen die unternehmerische Freiheit raubt. "Das ist DDR pur", schimpfte Wolfgang Suttner, Chef des Hotels Leonhardihof, bei einem Treffen von zehn Gastgebern aus dem Kurviertel im Gasthaus Binderbräu.

Organisiert wurde die Zusammenkunft von Roswitha Sedlmayr, die seit vielen Jahren das gleichnamige Sanatorium an der Buchener Straße betreibt. Nachdem sie einen erheblichen Umsatzeinbruch zu verzeichnen hatte, stellte sie voriges Jahr einen Bauantrag, der den Abriss des Sanatoriums und den Bau zweier Wohnhäuser vorsah. Dies lehnte der Stadtrat mit 14 zu zehn Stimmen ab. Zu dem Diskussionsabend, der sich um die künftige Entwicklung des Kurviertels drehte, hatte sie auch Bürgermeister Josef Janker (CSU) und alle Stadträte eingeladen. Janker sagte allerdings bereits im Vorfeld per Mail ab: Da die vorbereitenden Untersuchungen für das Sanierungsgebiet noch laufen, gebe es keine neuen Erkenntnisse, erklärte er. Und die Argumente von Sedlmayr und der anderen Gastgeber seien ihm bekannt. Von 24 Stadträten waren sechs zu dem Treffen gekommen: Anton Mayer, René Mühlberger (beide CSU), Michael Lindmair, Ulrike Bomhard (beide FWG), Richard Hoch (Grüne) und Willi Streicher (SPD).

Die Studie zum Sanierungsgebiet erstellt das Büro Leuninger und Michler aus Kaufbeuren. Als Sedlmayr dort anrief, erfuhr sie nach eigenen Angaben, dass die Stadtentwickler keinen Auftrag hätten, die Gastgeber im Badeteil anzuhören. Die Untersuchungen liefen "über unseren Kopf hinweg", klagte sie und forderte: "Lösungen müssen mit uns erarbeitet werden." Sie könnte ihr Sanatorium auch einfach zusperren, dann gebe es im Kurviertel für die nächsten zehn oder 20 Jahre eine weitere Ruine. Denn eines sei klar: "Ich verkaufe nicht zu einem Drittel des Preises, den ich auf dem freien Markt bekommen könnte."

Ein düsteres Bild zeichneten die Teilnehmer von der touristischen Entwicklung in Tölz. Die Zahlen, die Kurdirektorin Brita Hohenreiter in ihren Jahresberichten vorlege, seien falsch, sagte Suttner. "Sie schönt seit Jahren die Statistik." Für Rita Förg werden die Bettenzahlen der Kliniken mit denen der Hotels, Pensionen und Gästehäuser zusammengeworfen, obwohl es sich um unterschiedliche Belegungsarten handle. "Die rein touristischen Zahlen sind nicht so erfolgreich, wie von der TI immer dargestellt", sagte die Inhaberin der Landhäuser Theresa und Hubertus. Im Übrigen gebe es auch nicht 120 Gastgeber in Tölz, wie immer behauptet, sondern nur noch 70. Roswitha Sedlmayr sekundierte: Die durchschnittliche Bettenbelegung in Tölz liege bei lediglich 43 Prozent im Jahr, der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband lege hingegen einen Wert von 63 bis 68 Prozent zugrunde, um profitabel arbeiten zu können.

Mit dem Tourismus in Tölz geht es nach dem Dafürhalten von Suttner schon seit Jahren bergab. Seit 1994 hätten gut 30 Betriebe geschlossen, sagte der Hotelier, der den Leonhardihof seit 49 Jahren führt. Schuld daran sei "die Misswirtschaft" der Stadt, die mutlos agiere. Nach dem Ende des Spaßbades Alpamare habe sie nichts unternommen. Das geplante Spa "Natura Tölz" sei bloß "eine halbe Sache" gewesen, denn für Familien hätte es darin nichts gegeben. Nachdem jahrelang Wohnbauprojekte im Kurviertel zugelassen wurden, versuche die Stadt nun "im letzten Atemzug, die verbleibenden Gastgeber mit Zwang zu betonieren". Dies beklagte auch Reinhard Sieberer, der das Hotel Schlössl an der Schützenstraße gerne in Wohnungen umwandeln würde. Sein Vorbescheidsantrag wurde abgelehnt. Sein Haus werde er nur noch ein, zwei Jahren führen können, dann sei Schluss - "ich bin 70 Jahre alt".

Deutliche Kritik an Kurdirektorin Hohenreiter übte Anna Förg, Tochter von Rita Förg. "Wenn sich in der TI nicht zeitnah was ändert, weiß ich nicht, wo das hinführt", sagte die studierte Touristikerin. Roswitha Sedlmayr sprach von Vertrauensverlust und mangelnder Kompetenz: "Jegliche Zusammenarbeit mit den beiden Führungskräften in der TI ist für uns undenkbar geworden." Wohnen und Tourismus nebeneinander, Wohnen in "grüner Oase" wie in Grünwald, keinerlei Veränderungssperren und "absolute Freiheit" für die Gastgeber, sanfter Tourismus und wieder Gespräche zwischen Stadt und der Jod AG: Diese Ziele haben die Unternehmer in einer Vision formuliert. Ein Projekt könnte Sedlmayr zufolge eine kleine, aber feine Thermalanlage mit Saunen in der leer stehenden Wandelhalle sein.

Die Stadträte räumten ein, dass in der Vergangenheit durchaus Fehler im Kurviertel begangen wurden. Allerdings versuchten sie auch, die Gastgeber zu beruhigen. Die Voruntersuchungen zum Sanierungsgebiet begründeten kein im Grundbuch eingetragenes Vorkaufsrecht, sagte Michael Lindmair. Durch die Studie sei "noch gar nichts zementiert". Richard Hoch verwies darauf, dass die Stadt dann ja auch zu einem Preis einsteige, "den der Verkäufer mit einem beliebigen Käufer vereinbart hat". Willi Streicher deutete unter anderem auf den Herderpark, der von der Jod AG mit Wohnhäusern bebaut wurde. Die größtmögliche Freiheit für Unternehmer, die jetzt gefordert werde, stehe da dem Wunsch der "grünen Oase" entgegen, sagte er.