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Theaterrezension:Gegreine und Platzhirschgerangel

Shakespeare in Lederhosen: Die Ickinger Gymnasiasten bedienen sich gekonnt der Palette aus Slapstick, Wortspiel, Zote und Verwechslung.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Das Ickinger Günter-Stöhr-Gymnasium bringt den Witz des "Sommernachtstraums" auf den Punkt

Zwischen den Bäumen sind Seile gespannt, Fallstricke, Schlingen, denen es auszuweichen gilt, und in denen sich doch (fast) jeder verfängt. Wer behält den Überblick im Netz verliebter Blicke? Vor 400 Jahren etwa ist Shakespares "Sommernachtstraum" entstanden, seitdem ist die Frage aktuell und regt Theaterkünstler verschiedenster Couleur zu abenteuerlichen Umsetzungen an. Mit unbändiger Spielfreude, zügelloser Fantasie und farbenprächtiger Bühnenausstattung machen die Schülerinnen und Schüler des Günter-Stöhr-Gymnasiums in Icking unter Regie von Philipp Jescheck den Sommertheater-Dauerbrenner zum Spektakel im wahren Wortsinn: Man kann sich nicht sattsehen.

Dabei kann man am Anfang eher wenig sehen. Nach einem transmedial gestalteten Prolog (zu sich gegenseitig überblendenden Bildern alter Meister stimmt ein Erzähler auf das Traum-Sujet der Handlung ein) trifft Theseus, Herrscher von Athen, seine Verlobte Hippolyta im Dunkeln. Einzig die fluoreszierende Kleidung gibt Hinweise. Das ist die Urszene dieser Inszenierung. Selbst die halbwegs Vernünftigen sind, wenn es um Liebe geht, blind. Im Fall der Athener Oberschicht führt das zu teils recht groben Auseinandersetzungen, die das junge Schauspielerpaar gekonnt in Szene setzt als Machtspiele eines jovialen Tyrannen und einer verständlicherweise verärgerten, weil entführten, Amazonenkönigin. Doch auch die Athener Bürgerschaft hat Schwierigkeiten in Liebesdingen. Hermia soll Demetrius heiraten, hätte aber lieber Lysander. Der wäre damit einverstanden, Demetrius nicht. Den will aber Helena, an der sonst niemand Interesse bekundet. In Jeschecks Inszenierung werden die Mitglieder des amourösen Quartetts zu Akteuren einer überforderten Mittelschicht, die zwischen Normtreue und Erfüllung der eigenen Sehnsüchte zerrieben wird. So erscheint Demetrius als aufgebrachter Bräutigam, der sein Recht einfordert, aber an der zarten Hermia scheitert. In ihrer Gefühligkeit passt sie ohnehin besser zum charmanten Lysander, Typ Frauenversteher. Helena ist da schwer zu integrieren, folgerichtig greint sie meistens, mit quängelnder Kreidestimme.

Einzige Lösung scheint da die Flucht aus der städtischen Ordnung. Man begibt sich in den meisterlich gemalten Wald und hofft auf Klärung der Verhältnisse. Das Gegenteil tritt ein. Zunächst durch den Auftritt der herrlich absurden Schauspieltruppe in Lederhosen. Peter Squenz mit feinstem britischem Akzent strengt sich an, eine Aufführung des Mythos um Pyramus und Thisbe auf die Beine zu stellen. Seine Mitstreiter, Handwerkerkollegen allesamt, geben sich redlich Mühe. Man kann sich schauspielerische Liebhaberei kaum professioneller präsentiert vorstellen - in Begeisterung für seine Hauptrolle überpurzelt sich Weber Zettel in Monologen nahe an der Bühnenrampe, Franz Flaut soll ihm als Thisbe die Liebe schwören, und tut dies in oberbayerischer Mundart.

Man sieht: Auch ohne magische Einwirkung sind die Athener reichlich verwirrt. Mit dem Eintreffen der Elfen nimmt das Stück, ohnehin temporeich und präzise choreografiert, nochmals an Fahrt auf. Zwischen Oberon und Titania, dem Elfenkönigspaar, liegt einiges im Argen. Der blonde Muskelmann Oberon ist sauer auf die untreue Titania, mit schwarzen, toupierten Haaren und weiter, roter Robe ein imposantes Geschöpf. Die fantastische Leistung von Kostüm und Maske zeigt sich besonders hier, im Elfenkosmos. Sein quecksilbrig agiler Diener Puck soll seinen Schabernack mit einem Liebe stimulierenden Blumensaft treiben, dabei aber die athenischen Verhältnisse wieder ins Lot bringen. Das Ergebnis: Es wird kreuz und quer geliebt, Platzhirschgerangel zwischen Demetrius und Lysander inklusive, der arme Zettel muss einen Esel geben (scheint sich aber ganz wohl dabei zu fühlen), die Damen keifen und stehen kurz vor dem nervösen Kollaps.

Dabei wird tief in die Theatertrickkiste gegriffen: Ignorieren wir die vierte Wand! Drücken wir die Rückspultaste! Die Jungschauspieler machen das mit umwerfendem Sinn für die Komik dieses Stückes, Shakespeares buntestem. Slapstick, Wortspiel, Zote, Verwechslung: Die Truppe des Günter-Stöhr-Gymnasiums bringt den Witz des "Sommernachtstraums" auf den Punkt. Gipfel des Ganzen dürfte die missglückte Aufführung der Pyramus-Tragödie sein. Hier lacht das Publikum Tränen. Und zollt am Ende tosenden Beifall für die in jeder Hinsicht geglückte Aufführung des zeitlosen Stücks. "Vernunft und Liebe gehen heutzutage selten Hand in Hand", sagt Zettel in einem klaren Moment. Vielleicht liegt darin das Geheimnis der ewigen Aktualität und der Begeisterung, die das Stück bei Spielern und Zuschauern bis heute auslöst.

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