Theaterrezension Dem Wahnsinn auf der Spur

Piet (Boris Fittkau) wurde von Jana (Carolin Jordan) verlassen und will sie zurückgewinnen. Das Verlangen, nicht alleine zu bleiben, wird aufgegriffen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Petr Zelenkas Stück "Schrottengel" feiert im Theaterzelt des Laientheaters Icking unter der Regie von Stefan Mayer-Voigt Premiere. Die Schauspieler treffen den richtigen Ton der Komödie auch an jenen Stellen, in denen die Tragik der Situation zum Vorschein kommt

Von Paul Schäufele, Icking

Es wäre ein Leichtes, sie als beziehungsgestört abzutun, die sechs Damen und Herren, denen die Schauspielerinnen und Schauspieler der Laienbühne Icking zu Bühnenleben verholfen haben. Doch so einfach macht Petr Zelenka, einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Dramatiker Tschechiens, es dem Publikum dann doch nicht. Mit radiografischer Genauigkeit macht er Möglichkeiten und Unmöglichkeiten menschlichen Zusammenlebens sichtbar, auf schmerzend präzise und oftmals komische Weise. Seine Komödie "Schrottengel - Geschichten vom alltäglichen Wahnsinn" hatte am Freitag Premiere im Theaterzelt an der Irschenhauser Straße. Regie führte Stefan Mayer-Voigt, seit 17 Jahren Leiter der Gruppe.

Held der Geschichte ist Piet, fast arbeitslos, Alkoholiker und hart an der Grenze zum körperlichen und seelischen Ruin - seine Freundin hat ihn verlassen. Boris Fittkau gibt ihn als sympathischen Naivling mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der verzweifelt versucht, sich an seinen eigenen Namen zu erinnern. Bei den Bemühungen, seine Ex-Freundin Jana (Carolin Jordan) zurückzugewinnen, steht ihm Mücke (Sebastian Kater) zur Seite. Dessen Beziehungsreparaturkompetenzen beschränken sich allerdings auf wenig erfolgreiche Zaubermittelchen, er selbst hat nach einer Vielzahl von gescheiterten Liebschaften eine Ersatzlösung gefunden: Selbstverwirklichung durch Selbstbefriedigung. Was Piet an Antriebskraft fehlt, macht Mücke durch immer neue Ideen wett. Kater spielt ihn spitzbübisch und immer auf dem Sprung, ein fröhlicher Onanist, dem man nichts übel nehmen kann. Jana freilich will von den angestrengten Versuchen, die in die Brüche gegangene Partnerschaft zu flicken, nichts wissen, sie ist ohnehin schon verlobt mit Alex (Marc Philippi), auch er kein Genie, dafür aber sensibel.

Ergänzt wird die Gruppe durch Piets Eltern, seit vierzig Jahren miteinander verheiratet. Mutti, gekonnt gluckenhaft dargestellt von Christine Noisser, ist stets besorgt um das Wohlergehen des 46-jährigen Sohnes und kompensiert ihr Helfersyndrom durch zwanghaftes Blutspenden für tschetschenische Soldaten. Vati (Franz Mees) interessiert sich für fast gar nichts mehr, abgesehen von der Gasentwicklung in Bierflaschen unter Hitzeeinwirkung und - der Zufall macht's möglich - die kiffende Künstlerin Sylvie (Lydia di Bernardo). Naheliegend, dass auch hier einiges im Argen liegt. Fehlen nur noch Piets Nachbarn Alice und Tschamsi (Juli Vogel und Andreas Kunzelmann). Die streiten oft, harmonieren aber im Bett, besonders, wenn Piet dabei zuschaut.

Paare, die sich trennen, die zusammenfinden, sich wieder oder neu finden, die wunderbare Vereinigung von Mensch und Maschine - ständig bewegt sich etwas auf der Bühne des Zelttheaters. In hohem Tempo und pointensicher werden hier alle möglichen Konstellationen des Zusammenseins durchgespielt. Die Witzchen mögen manchmal banal sein. Doch sie sind Mittel zum Zweck. "Damit du die Wirklichkeit begreifst", mit diesen Worten zwingt Piets Mutter ihren Gatten zu einem folgenreichen Telefonat. Und darum geht es auch in diesem Stück: Die Wirklichkeit, so komplex und banal sie ist, begreifbarer zu machen, dem Wahnsinn auf die Spur zu kommen, der in jeder Beziehung mehr oder weniger offensichtlich zutage tritt. Wahnsinn, das ist (angeblich) Einstein zufolge, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. Auf die Figuren in Zelenkas Komödie trifft die Umkehrung zu: Sie erwarten immer das Gleiche (die funktionierende Beziehung) und probieren es auf unterschiedlichste Weise. Durch mysteriöse Zaubertricks, Crossdressing oder in der Partnerwahl: Janas Versuche, den Richtigen per Zufall durch Anrufe in Telefonzellen zu finden, wirken in Zeiten von Dating-Apps schon beinahe putzig nostalgisch. Dem geht die Erkenntnis voraus, dass die vordergründig so lustigen Figuren letztlich Einsame sind, deren Rührigkeit nur Ausdruck ihres ungestillten Verlangens ist, nicht allein zu bleiben.

Die Schauspieler der Laienbühne treffen den richtigen Ton auch für die wenigen Stellen, in denen die Tragik der Situation zum Vorschein kommt. "Wir wissen nichts voneinander", sagt Piets Vater. Eine traurige Bilanz nach vierzig Jahren Ehe und ein Satz, den auch Büchners Danton so sagen könnte, der als Figur doch eher nicht lustspieltauglich ist.

Ist das dann überhaupt noch eine Komödie? In seinen einleitenden Worten gestand Regisseur Mayer Voigt, dass ihm das leichte Fach sonst nicht liege. Tiefgang wolle er. Und genau das hat er erreicht: Ein federleichtes Lustspiel mit tragischen Momenten. Vieles bleibt da ungelöst - der Zuschauer hat seinen Spaß dabei.

Weitere Vorstellungen am 18., 20., 21. Juli, Beginn jeweils um 20 Uhr