SZ-Serie "Klingende Namen":Wo "Master Walter" hämmert

In seiner Werkstatt im Geltinger Gewerbegebiet fertigt Walter Nirschl mit zwei Kollegen Blasinstrumente von Hand. Besonders gefragt sind seine York-Tuben, die unter anderem in Mailand und Chicago gespielt werden

Von Kathrin Müller-Lancé

Graslitz, tschechisch Kraslice, ist seit Jahrhunderten als Instrumentenbauer-Zentrum berühmt. Aus dem Städtchen im Egerland kamen nach dem Zweiten Weltkrieg die ersten deutschen Vertriebenen nach Geretsried. Und da nicht wenige von ihnen Noten, Werkzeug und vor allem Wissen mitgebracht hatten, entwickelte sich auch die heute mit 26 000 Einwohnern größte Stadt im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen zu einer Adresse für Musiker, die ein Instrument suchen.

Die Anschrift auf der Homepage stimme übrigens nicht mehr, hatte Walter Nirschl schon am Telefon gewarnt. Seine Werkstatt befindet sich, anders als im Internet angegeben, in der Lauterbachstraße im Gewerbegebiet Gelting - immerhin schon seit zehn Jahren. Aber Nirschl hat es bisher noch nicht geschafft, die Homepage zu aktualisieren. Er lacht. "Meine Prioritäten liegen woanders." Tatsächlich scheint so einiges aus der Zeit gefallen in seiner Werkstatt. Nirschl hat sich auf den Bau hochwertiger Blechblasinstrumente spezialisiert, vor allem auf die Tuba. Die Arbeitsschritte und Werkzeuge sind im Wesentlichen die gleichen wie vor mehr als hundert Jahren. "Im Prinzip fertigen wir so wie vor der Industrialisierung", sagt Nirschl.

SZ-Serie  Klingende Namen

Meisterstück für die tiefen Töne: Walter Nirschl arbeitet an einer seiner Tuben, die von Musikern auf der ganzen Welt geordert werden. Etwa 250 Arbeitsstunden braucht es, bis ein Instrument fertig ist. Das kostet dann etwa 20000 Euro.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Im Jahr 1992 kaufte der Geretsrieder die bestehende Instrumentenfabrik Böhm & Meinl auf. Nirschl selbst stammt aus einer Familie von Instrumentenbauern, sein Cousin ist der heutige Chef der Geretsrieder Unternehmens Wenzel und Meinl, Gerhard Meinl. Bei dessen Vater Anton hat Nirschl einst das Handwerk gelernt. "Nach dem Abitur wusste ich nicht, was ich machen sollte", erinnert sich Nirschl. "Ich dachte, nach so einer Ausbildung kann ich ja immer noch studieren. Das musste ich dann aber nicht mehr."

Als Nirschl die Firma in den Neunzigerjahren kaufte, arbeiteten noch fast 30 Leute in der Werkstatt. Heute sind es drei, den Chef inbegriffen. "Für dieses alte Handwerk brauchst du Spezialisten", sagt der 61-Jährige. Um sein Geschäft erfolgreich zu machen, hat er nicht expandiert, sondern reduziert - und sich eine eigene Nische gesucht. Die Tuben, die Nirschl hier im Geltinger Gewerbegebiet baut, werden in Orchestern auf der ganzen Welt gespielt, in der Mailander Scala, der Tonhalle Zürich, dem San Francisco Symphony Orchestra. In Nirschls Büro hängt ein Foto von Fernsehgeiger André Rieu, der habe für den Tubisten in seinem Orchester gleich vier Instrumente gekauft: eines für den Musiker, drei für die weltweiten Tourneen. Nirschls Flur schmückt eine Wand mit Fotos und ausgedruckten Mails, auf denen Instrumentalisten "Master Walter" beziehungsweise "Meister Nirschl" für dessen Verdienste danken.

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In der Werkstatt arbeiteten einst 30 Leute. Heute sind es drei, inklusive Chef. Walter Nirschl setzt auf Reduktion und Spezialisierung. Repro: Hartmut Pöstges

Weil Nirschl seine Instrumente nicht über Händler, sondern direkt verkauft, kommen immer wieder hochkarätige Musiker zu ihm nach Gelting. Kürzlich hat ein Tubist, nähere Angaben möchte Nirschl nicht machen, sogar einen Stuhl per Post vorausgeschickt - weil er das Instrument nicht ohne ausprobieren könne. Der Hocker steht noch immer in der Werkstatt. Nirschl verschränkt die Arme und lacht: "Genie und Wahnsinn liegen halt nah beieinander."

Nirschls Instrumente sind nichts für Einsteiger. Eine fertige Tuba kostet etwa 20 000 Euro. Um sie von Hand herzustellen, sind rund 250 Arbeitsstunden nötig. Beim Gang durch die Werkstatt wird klar, warum. Über zwei Etagen erstrecken sich die Arbeitsräume. Unten werden die Einzelteile gefertigt, oben wird zusammengebaut. In Kisten stapeln sich Schablonen und Werkzeuge, an den Wänden hängen vollendete und unvollendete Instrumente; Trompeten, Mundstücke, Schalltrichter. Nirschl zeigt auf eine Rolle mit Messing: "Das ist das Ausgangsmaterial." Etwa 0,5 Millimeter dick sind die Platten, aus denen der Handwerker Teile seiner Tuben fertigt. Um aus dem Blech ein Instrument herzustellen, sind etliche Arbeitsschritte notwendig: Die Teile müssen rund gehämmert, zwischendurch "geglüht", also erwärmt werden, dann geht es ans Feilen, Schleifen und Polieren.

Besonders stolz ist Nirschl auf seine sogenannte York-Tuba. Das Instrument geht auf ein Modell aus den Dreißigerjahren zurück. "Das ist so etwas wie die Stradivari unter den Blechbläsern." Vor etwa 30 Jahren kam ein Tubist des Chicago Symphony Orchesters auf Nirschl zu und fragte ihn, ob er nicht so ein Instrument nachbauen könne. "Da ging es nicht nur darum, das Material und die Größe zu kopieren, sondern auch den Herstellungsprozess." Nirschl nahm die Herausforderung an. Inzwischen hat er fast 250 York-Tuben verkauft, schätzt er. Die Fotowand in seinem Flur zeigt den US-Musiker Arnold Jacobs, der in den Dreißigerjahren auf einer Original-York-Tuba spielte, an einem Nirschl-Instrument. "Der hat gesagt, auf meiner Tuba zu spielen, sei genau so gewesen wie früher", sagt Nirschl. "Das sind die Momente, für die ich meinen Beruf mache."

Mit vielen Musikern arbeitet Nirschl schon seit Jahrzehnten zusammen, seine Instrumente sind Maßanfertigungen. Er passt sie an die speziellen Bedürfnisse an,verschiebt das Mundrohr und den Daumenring. Wenn seine Kunden auf Tournee in München sind, besucht er ihre Konzerte. "Das macht Spaß zu sehen, wenn da vorne dein Instrument gespielt wird."

Das erste Instrument, das er selbst gespielt habe, sei ein ganz anderes gewesen, sagt Nirschl und grinst - eine Zither. Später habe er Trompete gelernt. Zu seinem Können auf der Tuba sagt der Geretsrieder: "Ich kann sie zum Klingen bringen, aber das hat mit vernünftigem Spielen nichts zu tun." Nirschl ist ohnehin der Meinung, dass Instrumentenbauer zwar Ahnung von Musik, aber nicht zu viel Talent haben sollten. "Wenn man zu gut spielt, läuft man Gefahr, die Instrumente für sich selbst bauen zu wollen, und nicht mehr für andere." Ihm ist deshalb eine klare Rollenteilung lieb: "Ich bin der Handwerker, die anderen sind die Musiker."

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