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Sozialer Treffpunkt:Neues Leben im alten Gasthof

Jasmin Seitner-Spangenberg eröffnet in Bairawies ihr Café "Frei-Zeit". Sie bietet dort auch Waren ohne Plastikverpackung an. Schon an den ersten Tagen ist der Andrang groß

Über die Entwicklung des kleinen Ortsteils Bairawies und die künftige Nutzung des seit den 1970-er Jahren leer stehenden Gasthofs ist vor zwei Jahren heftig gestritten worden. Eine Bürgerinitiative wandte sich gegen Wohnbaupläne, man fürchtete den Verlust des dörflichen Charakters und eine Entwicklung hin zu einer "Schlafsiedlung" für Pendler. Bei einer Bürgerversammlung hatte sich damals auch Jasmin Seitner-Spangenberg zu Wort gemeldet und Interesse bekundet, in dem jahrzehntelang verwaisten Gasthof ein Café einzurichten.

Jasmin Seitner-Spangenberg bedient zwei Kundinnen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Zwei Jahre später ist es nun soweit. Seit Freitag gibt es in Bairawies wieder einen sozialen Treffpunkt. Ein freundlich eingerichtetes Ladencafé samt Biergarten, in dem alle Waren unverpackt verkauft werden. "Frei-Zeit" hat Seitner-Spangenberg ihr Lokal genannt, weil sich Gäste dort nicht nur eine Auszeit vom Alltag gönnen, sondern auch Produkte frei von Verpackungen einkaufen können. Es ist das erste Café dieser Art im Landkreis, und noch steckt das Konzept in den Kinderschuhen. Denn es sei nicht einfach, Lieferanten zu finden, die ihre Waren ohne umweltbelastende Verpackungen verkaufen, sagt die 31-Jährige.

Auch plastikfrei einkaufen kann man.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Vor vier Jahren ist die studierte Sprachwissenschaftlerin, die in Bad Tölz aufgewachsen ist, nach Bairawies gezogen. Schon damals habe sie gedacht, dass man aus dem leer stehenden Gasthof und dem Biergarten "was richtig Schönes machen könnte". In ihrem Ladencafé will sie dazu beitragen, Plastikmüll zu reduzieren. Ein Anfang ist bereits gemacht: In großen Glasschütten gibt es Nudeln, Reis, Bulgur oder Kichererbsen, die in Gläser abgefüllt werden. Auch ein kleines Gemüsesortiment und Milchprodukte in Gläsern will Seitner-Spangenberg anbieten. Für den nachhaltigen Einkauf gibt es Naturtaschen aus Bio-Baumwolle.

Im Café sind alle Tische unterschiedlich.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Auch besondere Dinge kann man in der "Frei-Zeit" kaufen: Schafmilchseifen, Lama-Wolle, Rosmarin-Körperbalsam oder Kokosöl. Vor allem aber ist das Lokal mit 25 Sitzplätzen ein gemütlicher Treffpunkt. Fliesenboden mit Schachbrett-Muster, unterschiedliche Holztische und -stühle, das Mauerwerk des alten Gasthofs ist in Ausschnitten freigelegt. Auch eine Kinderspielecke gibt es. Seitner-Spangenberg bietet ausschließlich regionale Produkte an. Bier vom Tölzer Mühlfeldbräu, Tölzer-Land-Brot, Brezen und Semmeln von der Königsdorfer Backstube, hausgemachte Kuchen.

Am Freitag morgen sind kaum die Türen geöffnet, da kommen bereits die ersten Gäste. "Ein nettes Café", findet Jana Meßmer, die extra aus Bad Tölz her gefahren ist. Es sei schön, "dass der Ort wiederbelebt wird". Rike Knauss aus Geretsried hat ein Glas mitgebracht, weil sie Nudeln kaufen und dort abfüllen will. "Die kriegt man sonst nicht ohne Plastik". Dabei gehörten Nudeln zu den Produkten, die sie viel kaufe. "Es ist schön, wenn ich da auf Plastik verzichten kann." Um zehn Uhr ist das Café rappelvoll. Seitner-Spangenberg, die neben ihrem Studium in der Gastronomie gearbeitet hat, lächelt und bleibt gelassen - obwohl die große Kaffeemaschine manchmal bedrohlich faucht und die Leute an der Theke Schlange stehen. "Mit so einem Andrang habe ich gar nicht gerechnet", sagt sie und schenkt noch schnell ein Glas Prosecco ein, das es zur Eröffnung gibt.

Viel eigene Freizeit wird die Mutter einer zehnjährigen Tochter mit dem "Frei-Zeit" nicht haben: Im Café gibt es von 6.30 Uhr an Frühstück, täglich wechselnde Mittagsgerichte, Donnerstag, Samstag und Sonntag ist bis 22 Uhr geöffnet. Ruhetag ist nur am Dienstag. Zur Unterstützung hat sie eine Teilzeitangestellte und zwei Minijobber eingestellt. Momentan liegt noch Schnee, aber man kann sich gut vorstellen, dass es sich im Sommer unter den alten Bäumen, deren Erhalt Seitner-Spangenberg schon bei der Bürgerversammlung gefordert hat, gemütlich sitzen lässt. An die 50 Gäste können im Biergarten Platz finden. Der Grundriss des alten Gebäudes wurde erhalten, allerdings ohne den Torbogen zum Eingang. Die Fassade haben die Eigentümer aus Kostengründen neu gemacht - wieder mit Sprossenfenstern und Giebelluke - und im hinteren Teil und im Obergeschoss elf Wohnungen samt Balkonen gebaut. Bairawies mit seinen 220 Einwohnern ist nicht gerade der Nabel der Welt. Seitner-Spangenberg hofft, dass die Leute trotzdem einen Abstecher von der Staatsstraße in die "Frei-Zeit" machen. So wie Romy Angermüller, die gerade von Thanning unterwegs nach Bad Tölz ist. Sie findet es "schee, dass es wieder was gibt in Bairawies."