Selbstvertrauen Der Schwung fürs weitere Leben

Die Mittelschüler in Wolfratshausen lernen durch das Projekt "Stärken stärken" sich selbst mehr zuzutrauen

Von Lucie Strauhal, Wolfratshausen

Konzentriert und ganz bei sich sitzt Dominik auf seinem Stuhl über ein Blatt Papier gebeugt. Er hebt den Kopf und deutet auf ein selbst gemaltes Wappen, in dessen Mitte eine Wasserschildkröte thront. "Sie hat einen harten Panzer, der sie beschützt, und sie kann sehr gut schwimmen, so wie ich", flüstert er stolz. Er ist Schüler in der sechsten Klasse an der Mittelschule Wolfratshausen und nimmt am Projekt "Stärken stärken" teil.

Seit acht Jahren gebe es dieses Programm, das in drei Phasen gegliedert ist, sagt Jugendsozialarbeiterin Claudia Eff. Sie unterstützt die Schule mitunter als Streitschlichterin und besucht die Klasse wöchentlich. Die Schulen des Isar-Loisach-Verbunds sind Modellschulen von "TAFF - Talente finden und fördern an der Mittelschule", ein seit vier Jahren bestehendes Projekt des bayerischen Kultusministeriums. Eine Talentshow, Lerntutoren und Schülerexperten tragen in der Mittelschule zur Förderung der Kinder und Jugendlichen bei und sollen deren Selbstwertgefühl steigern. "Stärken stärken" sei "ein Mosaikstein dieses großen Projekts", welches in den Mittelschulen Wolfratshausen und Waldram umgesetzt wird, so Schulleiter Frank Schwesig. Ins Leben gerufen wurde es vom Kinder- und Jugendförderverein Wolfratshausen (KJFV).

Der eine fühlt sich wie ein Löwe, die andere wie ein Hund. Bei den Projekttagen suchen sich die Schüler Tiere aus, die sie repräsentieren.

(Foto: Hartmut Pöstges)

In den ersten zwei Monaten sind die Sechstklässler damit beschäftigt, ihre eigenen Stärken zu finden, diese dann noch mehr zu stärken und am Ende des Projektes in einer Abschlusspräsentation ihren Familien zu zeigen. "Wir haben hier Kinder und Jugendliche, die in der Grundschule nicht auf der sonnigen Seite des Lebens standen", sagt Nicole Strufe, Konrektorin der Grund- und Mittelschule Wolfratshausen. Viele der Mittelschüler seien Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen und hätten schon im jungen Alter Schicksalsschläge erlitten. Die Idee hinter dem Projekt sei mitunter, den Schülern, die in der Grundschule weniger punkten konnten, zu zeigen, dass auch sie Begabungen besäßen, auf die sie stolz sein können.

"Das Projekt ist unglaublich schön und tut der Seele gut", sagt Klassenlehrerin Strufe. Mit zwei kompakten Projekttagen leiten Strufe und Eff in das Thema ein. Die Schüler arbeiten innerhalb dieser Einführungsphase heraus, wie man Stärken definiert und welche auf sie selbst zutreffen. Nach und nach teilen die Projektleiter ihre Schüler in Gruppen ein, je nachdem, welche Interessen die Kinder vertreten. Von Reiten über Klettern und Boxen bis zu einer Radwerkstatt sei schon alles dabei gewesen. Den Schülern werden somit Aktivitäten ermöglicht, die ihnen ihre Eltern aus Zeitgründen oder finanziellen Mitteln nicht bieten könnten.

Das Programm "Stärken stärken" existiert an der Mittelschule Wolfratshausen schon seit acht Jahren.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Einmal pro Woche bekommen die Schüler für zwei Unterrichtsstunden die Möglichkeit, ihrem neuen Hobby nachzugehen und ihre Begabungen und damit auch das Selbstbewusstsein zu stärken. Dabei übernehmen oft externe Fachkräfte die einzelnen Gruppen. Die Bezahlung der Kursleiter läuft bisher über Sponsoren wie die Stadt Wolfratshausen, die den KJFV seit zwei Jahren mit 1000 Euro jährlich unterstützt. Da sich die Gesamtkosten für das Projekt jedoch jedes Jahr auf etwa 8000 Euro belaufen, hoffen die Mitglieder von "Stärken stärken" auf weitere Spenden von außen, um vor allem die Stundenhonorare für viele Kursleiter zu bezahlen, so Fritz Meixner, Geschäftsführer des KJFV.

Verschiedene Spiele und Aufgaben bringen den jungen Menschen in den ersten Projekttagen positive Eigenschaften näher. "Der Sturm wirbelt alle auseinander, die neugierig sind", ruft ein Junge und sogleich stürmt beinahe jeder der Schülerinnen und Schüler quer durch den Stuhlkreis im Klassenzimmer. Nach und nach können sie immer mehr Merkmale aufzählen, die sie selbst kennzeichnen. Die Klasse hat auf zwei großen Plakaten jegliche Arten von Fähigkeiten von A bis Z gesammelt, die starke Kinder besitzen. Anschließend erhalten sie die Aufgabe, ein Tier zu finden, das bewundernswerte Talente und Eigenschaften repräsentiert. Dazu bringt die Klassenleiterin Stoff- und Plastiktiere mit, von denen sich jeder ein passendes aussucht. Ganz gleich ob Schlange, Hund oder Leopard, hinter jedem der gewählten Tiere stecken Eigenschaften, die die Kinder bewundern oder mit denen sie sich identifizieren. "Mein Tier ist stark, schnell und gibt nie auf. Es ist ein sehr schönes Vorbild", sagt der 13-jährige Fahim, der einen kleinen Löwen auf dem Schreibtisch stehen hat.

Die aktuelle Aufgabe besteht darin, ein Wappen mit dem eigenen Vorbildtier zu malen. Dazu sollen jeweils zwei Stärken, die das Tier ausmachen, und drei, die die Kinder selbst besitzen, dazugeschrieben werden. Während einige Schüler lange überlegen müssen, welche Stärken sie kennzeichnen, sind andere ganz perfektionistisch damit beschäftigt, ihr Wappentier abzuzeichnen.

"Schulen sind leider hauptsächlich defizitorientiert", sagt Strufe. Es werde den Kindern meist nur vorgehalten, was sie nicht könnten und mehr üben müssten. "In jedem der Kinder steckt aber eine wertvolle Persönlichkeit", sagt Strufe, die das Projekt nun zum zweiten Mal durchführt. Man müsse herausfinden, wo man die Kinder abholen und was man daraus mache könne. "Wir wollen ihnen etwas Schwung auf ihren Weg mitgeben und zeigen, dass wir das zusammen packen." Wichtig ist der Konrektorin die Nachhaltigkeit des Projekts, sodass die Schüler auf lange Sicht Erfahrungen und Eindrücke sammeln könnten. "Jedes Jahr in der Abschlusspräsentation stelle ich wieder fest, dass die Schüler ganz anders dastehen als ein halbes Jahr zuvor", sagt Meixner. Das persönliche Wachstum der Kinder sei besonders wichtig und dafür seien die Betreuer "mit Feuereifer dabei", betont der Geschäftsleiter des KJFV.