bedeckt München 20°

Rezension:Packend von der ersten Note an

Das "Cuarteto Quiroga" beim Ickinger Frühling

Werke spanischer Komponisten kommen im heutigen Musikleben selten vor. Ein junges spanisches Streichquartett will das ändern. Das Cuarteto Quiroga benennt sich nach dem spanischen Violinisten und Komponisten Manuel Quiroga Losada (1892-1961), der am Pariser Konservatorium bei Eugène Ysaÿe studierte. Dieser widmete seinem begabten Schüler als besondere Auszeichnung die sechste seiner berühmten Sonaten für Solovioline. Werke Quirogas hatten die Spanier zwar nicht im Gepäck, als sie am Wochenende beim "Ickinger Frühling" des Vereins Klangwelt Klassik auftraten, aber mit Juan Crisóstomo de Arriaga und Joaquin Turina waren zwei große spanische Musiker vertreten.

Cibrán Sierra, der zweite Geiger des Ensembles, führte im Saal des Ickinger Gymnasiums mit einem sehr charmanten Englisch in die Werke ein. Als gerade 17-Jähriger habe Arriaga sein 1. Streichquartett komponiert, eine unglaubliche Leistung, insbesondere vor dem Hintergrund, dass viele große Komponisten die Königsklasse des Streichquartetts erst spät in Angriff nahmen. Dazu wäre Arriaga (1806-1826) gar nicht mehr gekommen, starb er doch schon mit 20 Jahren. Die Begeisterung des Ensembles für dieses Werk war für das Publikum sofort nachvollziehbar: Das leidenschaftlich-spannungsvolle Spiel bei dennoch nuancierter, detailreicher Ausgestaltung nahm die Zuhörer von ersten Takt an gefangen. Voller Grazie war das Allegro ausgestaltet; zart und innig das Adagio. Die vier Musiker (Aitor Hevia, erste Violine, Cibrán Sierra, zweite Violine, Josep Puchades, Viola, Helena Poggio, Violoncello) sind perfekt aufeinander eingestimmt, agieren mit einem Atem, sind durch Augenkontakte ständig in Verbindung. Im 3. Satz scheint nach einer aufgewühlten Einleitung im wie nachsinnend zurückgenommenen Mittelteil ein bezauberndes spanisches Kolorit auf. Elegisch, mit großer Ruhe, hinter der die innere Spannung spürbar bleibt, endet das Werk. "Schön!" ruft jemand, ehe der Applaus losbricht.

Sierra betont artig, wie sehr sein Ensemble das Ickinger Publikum und seine große Aufmerksamkeit schätze, ehe er das nächste Werk, Turinas "La oracion del Torero", vorstellt. Turina (1892-1949) habe wesentlich dazu beigetragen, dass die spanische Musik Anfang des 20. Jahrhunderts eine Renaissance erleben konnte. Wie Quiroga studierte er in Paris und komponierte beeinflusst von der französischen Schule, bis ihn de Falla und Albéniz, die damaligen Granden der spanischen Musik, darauf ansprachen, warum er sich eigentlich nicht der spanischen Tradition zuwende. Was umgehend geschah: Mit dem "Gebet des Toreros" besinnt sich Turina, in Sevilla geboren und aufgewachsen, auf seine Wurzeln. In diesem Tongemälde könne man den Stier scharren hören, ehe er in die Arena stürmt, kündigt Sierra an. Und in der Tat: Als wäre es Filmmusik lässt das Werk, lustvoll und mit ungebremstem Einsatz zelebriert, Bilder vor den Augen der Zuhörer erstehen. Entzückte "Bravo"-Rufe.

Nach der Pause geht es mit Johannes Brahms' (1833-1897) Streichquartett Nr. 1 c-Moll mitten ins urdeutsche Repertoire. Der außerordentlich kritische Brahms habe sehr lange gebraucht, um ein erstes Streichquartett zu veröffentlichen, erzählt Sierra. Diese Musik zeichne eine unglaubliche Architektur aus, hier entstehe "a huge building from a very small note". Denn um gute Musik zu schreiben, brauche es nicht viele Ideen, sondern eine gute Idee und die Fähigkeit, sie weiterzuentwickeln. Dass dieses Werk dem Ensemble besonders am Herzen liege, betont der Geiger - und die Zuhörer spüren das sofort. Dieses rückhaltlose Sich-hinein-Stürzen, bei dem die Künstler doch die Kontrolle behalten, kündet von großer Vertrautheit mit und Liebe zu dieser Musik.

Eine (gut beherrschte) Nervosität kennzeichnet den 1. Satz, setzt große Energie frei und fesselt die Zuhörer. Die Kunst, das Publikum mit dem ersten Ton zu packen und nicht mehr loszulassen, beherrscht das Quartett meisterhaft. Mit geradezu andächtiger Ruhe, in die man sich versenken kann, folgt der 2. Satz. Das Allegretto bringt eine wunderschöne Sehnsuchtsmelodie, die vom Cello in die zweite Geige wandert, und einen heiteren Mittelteil, unter dem Abgründe lauern.

Aufgewühlt schließt das Allegro - und hinterlässt den Hörer fast erschöpft von der intensiven Anteilnahme. Jubel über Jubel erwirkt eine sehr spezielle Zugabe: Ein "Galician Carol" als Hommage an die Heimat Quirogas. Spanisches Feuer im kalten Ickinger Frühling.

  • Themen in diesem Artikel: