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"quartettissimo!":Steigerung bis zum Tinnitus

Das Zemlinsky Quartet bei seinem gefeierten Auftritt im Tölzer Kurhaus. Die vier Musiker, die seit 25 Jahren gemeinsam musizieren, gestalteten das zweite Konzert in der aktuellen Klassik-Reihe "quartettissimo".

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Das Zemlinsky Quartet aus Prag interpretiert Werke von Schumann, Dvořák und Smetana - und reißt das Publikum im Tölzer Kurhaus zu Begeisterungsstürmen hin

Das erste Mal munteres Händeklatschen, dann enthusiastischer Applaus, schließlich Jubel und Bravo-Rufe. Und ganz am Schluss wollte man sie kaum von der Bühne lassen, die Musiker des Prager Zemlinsky Quartets. Mit Temperament und Stil haben sie am Sonntagabend den voll besetzten Tölzer Kursaal begeistert. Mit Robert Schumanns a-Moll-Quartett ist das nicht die leichteste Aufgabe. In Krisenzeiten hat sich der Komponist oft in Bachs Werke versenkt. Die Resonanzen dieses Kontrapunkt-Studiums klingen durchs ganze Opus. Es ist dem warmen, ausgeglichenen Ton des Zemlinsky Quartets zu verdanken, dass diese Musik frei von allem Bibliotheksstaub bleibt. Fantasievoll und mit genüsslicher Beiläufigkeit interpretiert das Quartett das Thema, präsentiert die harmonischen Extravaganzen mit Finesse und dynamischer Sensibilität.

Auch im leisen Bereich klangvoll dann das Scherzo, dessen vorbeihuschende Melodik eine Antwort auf Mendelssohns Presto-Miniaturen anzubieten scheint. Bei diesem Quartett wird es zum Gegenentwurf: keine harmlose Elfenmusik, sondern nervöses Suchen, Herumirren. Das Intermezzo des Satzes bildet keinen Ruhepol, es ist eine Verlegenheitslösung, ein vergebliches Kreisen auf der Suche nach einer gesanglichen Melodie. Am ehesten findet sich die noch im Adagio-Satz, einer Meditation über ein Beethovensches Motiv, das besonders dem Cellisten Gelegenheit gibt, seinen Samtton über der fließenden Begleitung auszubreiten. Nach so viel Wohlklang wünschte man sich im Finale mit seinen knallenden Sforzato-Akkorden und den Synkopen mehr Reibung, etwas zupackendere Gesten. Doch auch hier singt das Zemlinsky Quartet, anstatt zu deklamieren, was durchaus ins Konzept passt.

Das Quartett rückt Schumann mit Vorsicht näher, zeigt ihn als den Meister, der Bach, Beethoven und Mendelssohn zur Hausmusik einlädt, um etwas ganz Eigenes daraus zu machen. Die abrupte Wendung zu A-Dur am Schluss des Finales ist das Emblem dieser Interpretation - mit vibratolosem Klang, gläsern und rätselhaft.

Federnde Rhythmen und eingängige Melodien machen Antonin Dvořáks F-Dur-Quartett Opus 96 zum ewigen Liebling von Kammermusik-Freunden. Gerne wird es auch als Beispiel für die Einflüsse amerikanischer Musik zitiert, entstand es doch 1893 in der Urlaubsidylle von Spillville, Iowa. Ganz unabhängig davon, ob böhmisch oder amerikanisch, spielt das Prager Quartet, als wäre das Stück für sie geschrieben - im Kopfsatz mit einer Freiheit und Lebendigkeit, die nach Ad-Hoc-Improvisation klingt. Tatsächlich ist dieser kreative Umgang mit Tempo und Dynamik nur möglich, weil hier ein Ensemble seit 25 Jahren gemeinsam professionell musiziert. Und weil sich die Vier in dieser Zeit vielleicht eine Art Ästhetik des Understatements zu eigen gemacht haben, verzichten sie im langsamen Satz genau auf diese Freiheiten.

In diesem Lento ist Schönheit im Übermaß, was gefährlich werden kann. Die Prager spielen hier geradeaus und hören ohne süßliche Rührung den fortschreitenden Konsonanzen nach. Das Scherzo weckt auf, schwungvoll und im Mittelteil überraschend ungestüm, was im Finale mit atemraubendem Tempo noch gesteigert wird - ein Springtanz mit melancholischen Einschüben.

Auf subtile Weise geben Schumanns und Dvořáks Quartette Einblicke ins Leben der Komponisten. Zur manifesten Ich-Erzählung hat erst Bedřich Smetana die Gattung gemacht. Sein erstes Streichquartett trägt den Titel "Aus meinem Leben". Dass dieses Leben keine Reihe von Sonntagen war, macht der Kopfsatz deutlich. Mit ausdrucksvollem Zögern setzt hier die Bratsche ein mit fallenden Intervallen, die sich überstürzend wieder nach oben kämpfen. Hin und wieder scheint Frieden gefunden zu sein, doch in der Interpretation des Zemlinsky Quartets wird klar, dass hinter der Ruhe die Verzweiflung lauert. So endet der Satz in ratlosem Saiten-Zupfen.

Eine flotte Polka soll da Ablenkung bieten, doch die dramatischen Momente dieses Satzes zeigen, dass auch die von Smetana tanzend verbrachte Jugend nicht ohne Konflikte ablief. Das "Largo sostenuto" reduziert die robusten Polka-Klänge auf ein romantisches Pas de deux, eine Erinnerung an die erste Frau des Komponisten, hier als leidenschaftlicher Gesang dargeboten. Dass die vier Spieler des Zemlinsky Quartets Meister der Entwicklung sind, zeigt auf ideale Weise das berühmte Finale des Smetana-Werks. In gemäßigtem Tempo beginnend, entfachen die Musiker allmählich einen Furor, der auf einen bestimmten Punkt zuläuft, den Glutkern des Quartetts, jenes schmerzhaft hohe E, das den Einbruch des Symptoms in die Musikgeschichte bedeutete. Smetana hatte seinen Tinnitus in Noten gesetzt. Was kann da noch folgen? Nur resignatives Auflösen der Harmonie.

Ganz ohne Zugabe möchte man doch nicht nach Hause, deshalb wird noch Smetanas "Tanz der Komödianten" zum Besten gegeben, mit exquisitem Witz und orchestraler Klangfülle. Josef Suks verträumte Barcarolle schließt das zweite Konzert des laufenden "quartettissimo"-Zyklus, das viel ausgesagt hat über die Biografien dreier Komponisten und noch mehr über die Qualitäten des Zemlinsky Quartets.

© SZ vom 21.01.2020
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