bedeckt München 20°
vgwortpixel

Premiere:Bühne voll, Aula halb leer

Sterntaler im Smartphone-Zeitalter: Die Realschüler aus Geretsried haben ihr neuestes Stück "Stella" selber geschrieben.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Schauspielgruppe der Realschule Geretsried ist eine der wenigen, die regelmäßig zu den bayerischen Theatertagen eingeladen werden. Das Stück "Stella" wollen daheim aber nur wenige sehen

Seltsam: 20 Minuten vor der Premiere sind noch jede Menge Parkplätze vorhanden. Ein Versehen im Terminkalender? Ist am Ende heute gar keine Vorstellung? Doch, das Schulhaus ist gepflastert mit Plakaten zur Aufführung von "Stella", so heißt das Stück, das die Theatergruppe der Realschule am Donnerstagabend spielt. In der Aula aber herrscht gähnende Leere, und es drängelt noch niemand vor der Tür, wie es sonst bei Theaterabenden an Gymnasien üblich ist.

Was ist da los, ist die Frage an Christian Zingler. Kommt etwa keiner, weil das Finale von "Germany's Next Top Model" im Fernsehen läuft? Nein, das mangelnde Interesse sei ein gewohntes Bild, antwortet der Direktor, der am Eingang Flagge zeigt. "Wir können noch so viel Werbung machen, aber bis auf die Familien der Mitwirkenden kommt kaum einer", bedauert er. "Ich verstehe das selber nicht." Zingler hat sich über die geringe Resonanz schon viele Gedanken gemacht. Es sei halt ständig etwas geboten. "Gerade erst war der musikalische Abend, wo sich die Chorklasse und die Zupferklasse verabschiedet haben." Der Direktor hütet sich, den schwänzenden Eltern und Mitschülern einen Vorwurf zu machen. "Man weiß doch nie, was daheim gerade los ist." Für seine Theaterschüler sei er aber "todtraurig". Dass die mit ihrem 40-Minüter erneut zu den Theatertagen der Bayerischen Realschulen eingeladen sind und vor großem Publikum mit Ehrengästen spielen wie vor zwei Jahren in Nürnberg freut ihn deshalb umso mehr. "Das ist eine Auszeichnung par excellence und ein Riesenerlebnis für die Schüler." Bei der Aufführung in Geretsried ist die Aula nicht einmal halb voll.

"Stella", was auf lateinisch Stern heißt, erzählt das Märchen "Die Sterntaler" in einer zeitgemäßen Version. Die Jugendlichen stehen und sitzen auf der Bühne, jeder schlägt eine übergroße Zeitung auf. Sie konfrontieren die Zuschauer mit Statements wie: "Jedes vierte deutsche Kind ist arm" oder "Wenn ich schlafen gehe, lächle ich und denke, dass ich einen weiteren Tag geschafft habe." Das Ganze wird effektvoll musikalisch untermalt von den beiden Neuntklässlern Philo Clemens (Flügel) und Franz Hats (Schlagzeug). Die Darsteller fügen sich zu einer Gruppe und die weißen Zeitungsblätter zu einer großen Leinwand zusammen, auf die das Bild eines Mädchens projiziert ist: Stella, 15, Scheidungskind, lebt unter der Brücke.

Mit Unter- und Mittelstufe Theater zu machen, ist ein undankbarer Job, denn wenn die Schüler reif genug sind für die größeren Rollen, haben sie die Schule schon wieder verlassen. Umso höher ist das Engagement von Marcella Ide-Schweikart zu bewerten, die die Gruppe 2003 aufgebaut hat, zusammen mit Martin Wiesböck mit der Percussion- und Markus Kugler mit der Technikgruppe. Die Deutsch- und Kunstlehrerin ist eigens deshalb an die Schule gekommen. "Ich habe gegoogelt, dass Geretsried eine Bühne hat und mich deshalb beworben", sagt Ide-Schweikart. Goethe und Dürrenmatt hätten sie schon gespielt, aber diesmal hätten die Schüler das Stück selbst verfasst und auf die heutige Zeit umgeschrieben.

Während das Originalmärchen davon erzählt, wie Sterntaler alles verschenkt und für seine Barmherzigkeit am Ende mit einem Geldsegen vom Himmel belohnt wird, ist die moderne Stella (Dagny Kirchner) ein Mädchen, das auf sich allein gestellt ist, aber daran nicht verzweifelt. Sie sammelt Flaschen, muss sich gegenüber anderen Obdachlosen behaupten, bringt aber auch Schickimicki-Girls zum Nachdenken, die naserümpfend an den Pennern vorbeigehen. Das Stück funktioniert gut, weil es die Jugendlichen nicht durch zu viel Text überfordert und die Handlung auf viele Schultern verteilt ist. Kleine Patzer sind schnell vergessen: Die eine oder andere Darstellerin kann ihre Contenance auf der Bühne nicht wahren und muss ihren Teenie-Lachkrampf hinter einem Haar-Vorhang verbergen.

Es endet mit einem Hoffnungsschimmer: Zum Schluss rappen und singen alle im Licht bunter Discolampen zum bekannten Song "Counting Stars". Direktor Zingler ergreift das Mikro und wünscht der Truppe viel Glück bei den Theatertagen kommende Woche. "Dass wir dort Dauergast sind, das ist mehr als phänomenal, denn aus ganz Bayern werden immer nur sieben eingeladen." Applaus brandet auf, als ob der Saal doppelt so voll wäre.