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Porträt:Spiel des Lebens

"Es ist das schwierigste und exakteste Kartenspiel", sagt Susanna Konrad über Bridge. Bei Turnieren landete sie früher regelmäßig auf den vorderen Plätzen, eine Bridge-Reise führte sie einmal über den Indischen Ozean.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Bridge ist die große Leidenschaft von Susanna Konrad. Die Seniorin aus Bichl griff als Jugendliche zum ersten Mal zu den Karten und ist heute noch in drei Klubs an den Tischen aktiv. Im Sommer wird sie 100 Jahre alt.

Das Kartenspiel Bridge hat Susanna Konrad zum ersten Mal mit 16 Jahren in Mailand kennengelernt. "Das war 1936", sagt sie und lacht. "Ich spielte im Kreise von Italienern. Die meinten, ich verstehe kein Italienisch, doch ich verstand durchaus etwas", berichtet die vitale 99-Jährige mit verschmitztem Lächeln. "Danach hatte ich mit Bridge lange keinen Kontakt mehr."

Im Juni 1941 heiratet sie, ihr Mann ist Arzt bei der Kriegsmarine, sie siedeln nach Königsberg in Ostpreußen um. Bei einem Bombenangriff auf München kommt eine ihrer älteren Schwestern ums Leben. Die Familie zieht schließlich ebenfalls in die bayerische Landeshauptstadt, Konrads Mann ringt ihr das Versprechen ab, mit den drei Kindern ins sichere Kochel zu gehen, die Familie besitzt dort bereits ein Haus. Er selbst wird an der italienischen Amalfiküste stationiert. Italien erklärt Deutschland im Oktober 1943 den Krieg. "Mein Mann wurde von Partisanen gekidnappt und in einen Viehstall gesperrt. Zum Glück kam er als Arzt glimpflich davon", erinnert sich Konrad. Schließlich gerät er in amerikanische Kriegsgefangenschaft, kommt erst nach Nebraska, dann nach Yuma in Arizona. "Er freundete sich bald mit dem Lagerkommandanten an" - und kam auch hier vergleichsweise glimpflich davon. 1946 dann die Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft, die ersten Jahre verbringt die Familie in ihrem Haus in Kochel. "Es war wahnsinnig schwierig, da es damals schon vier Ärzte in Kochel gab", seufzt Konrad. Die fünfköpfige Familie hält sich mit Hilfsarbeiten über Wasser, beispielsweise in einem Keramikbetrieb.

Bei einem befreundeten Zahnarzt findet die betagte Seniorin wieder zum Bridgespiel. "Er hatte eine Halb-Engländerin zur Frau, mit der ich nach Jahren wieder mit dem Spielen begann" - allerdings nur "Rubberbridge", eine etwas einfachere Form des komplexen Kartenspiels. "Wir spielten damals um Geld, alles wanderte in eine gemeinsame Kasse." War diese gut gefüllt, ließ man es sich gemeinsam gut gehen.

Nach vier Jahren lässt sich Konrads Mann schließlich als Hausarzt in Bichl nieder, praktiziert mehr als 30 Jahre, stirbt Anfang der 1980er Jahre früh. "Die Trauer hatte mich fest im Griff", erinnert sich Konrad. Doch ihre Bridge-Freunde motivieren sie immer wieder, aus der Trübsal auszubrechen. "Ich spielte zeitweise in fünf Bridge-Klubs: einem in Geretsried, einem in Rottach-Egern, zwei in Tölz und einem in Bad Wiessee", so Konrad. "Allerdings bin ich zu Beginn in den Clubs auf die Nase gefallen." Dort spielte man schließlich kein Rubberbridge, sondern das schwierigere Turnierbridge. "Dann habe ich aber sehr aufgepasst", erklärt Konrad und breitet sorgfältig einen Satz Karten vor sich aus. Ihre Tochter Franziska, 75, hakt an dieser Stelle kurz ein: "Meine Mutter hat einen ausgezeichneten Kartenverstand!"

Schließlich bringt Konrad auch der Schwiegertochter Bridge bei - "wir haben jeden Tag mindestens eine halbe Stunde geübt". Das Kartenspiel wird für Konrad, die als medizinisch-technische Assistentin in der Praxis ihres Mannes arbeitete, zum Lebensinhalt. "Ich landete bei Bridge-Turnieren regelmäßig auf den vorderen Plätzen", erinnert sie sich. Sie hat auch Skat, Doppelkopf und Schafkopf gespielt, blieb aber beim Bridge. "Es ist das schwierigste und exakteste Kartenspiel. Bis man es wirklich kann, ist es ein weiter Weg", sagt sie stolz. Auch Bridge-Reisen hat sie unternommen, an eine erinnert sie sich besonders gern: "Wir fuhren mit dem Schiff von den Seychellen aus durch den Indischen Ozean."

Im Juli wird Susanna Konrad 100 Jahre alt, ein Termin für die Feier ist bereits gefunden. Wie sieht ihr Alltag heute aus? "Man kann, wenn man will, jeden Tag Bridge spielen", sinniert Konrad. Sie ist noch in drei Klubs aktiv, einem in Geretsried und zwei in Tölz. In jedem wird mindestens einmal die Woche Bridge gespielt. Bis vor Kurzem ist Susanna Konrad noch selbst zu den Treffen gefahren, inzwischen fährt sie ihre Schwiegertochter. "In Geretsried spielen wir in einem neuen Altersheim, manchmal an 15 Tischen" - mit je 4 Leuten. Das Kartenspiel bedeutet ihr auch im hohen Alter noch viel "Man ist rund drei Stunden dem Leben enthoben, das ist das Angenehme", sagt Konrad. Die Karten entführen sie in eine andere, sorgenfreie Welt.

Könnte Bridge auch das Geheimnis für ihr hohes Alter sein? "Der soziale Faktor spielt sicher eine Rolle", sagt Konrad. "Aber es ist auch der Zucker. Ich habe nie auf Zucker verzichtet und ein Faible für Mehlspeisen", gesteht die schlanke, elegant gekleidete Dame. "Der Körper sagt einem schon, was er haben will." Hund Mimi scheint zuzustimmen. Treuherzig schaut der "Lastrami", wie Tochter Franziska den "Landstraßenmischling" nennt, sein Frauchen an. "Ich bin mir sicher, dass Mimi auch einen Gutteil dazu beigetragen hat, dass meine Mutter so alt geworden ist", sagt sie.

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