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"Pipapo"-Festival :Wiegen, stöhnen, klagen

Geltinger Kulturtage 2019 - PiPaPo

Alexander Donnelly reißt das Publikum im Hinterhalt mit.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die "Donnelly Connection" und das Trio "Muddy What?" pflegen in Geretsried den Blues-Rock

Es wird sehr wenig erzählt an diesem Samstagabend beim PiPaPo-Festival im Geltinger Hinterhalt. Dafür rollt der Blues seinen Teppich aus und der Rock öffnet sämtliche Schubladen von eisenhart bis watteweich. Es wird in der gut besuchten Kleinkunstbühne Blues-Rock oder eben Rock-Blues gespielt, dass die Dielen knarren und die Gläser vibrieren. Das Münchner Trio Muddy What? um den Gitarristen, Sänger und Songschreiber Fabian Spang übernehmen die Abteilung "Musik für Kopf und Seele" und die Musiker um den Sänger und Gitarristen Alex Donelly und seiner wechselnden Connection übernehmen den Part für den Bauch und die Beine. Donnelly und seine Mannen sind wackere Rocker, rollen den Rhythm and Blues oder den Funk und Soul so zuverlässig, grimmig und pausenlos wie eine Dampfmaschine.

Und das alles ohne langes Intro. Einfach rein in den Rhythmus, grooven sie was die Saiten hergeben und die knallharte Schießarbeit von Drummer Wolf Wolff an Blech und Fell. Und da gibt es noch den Mann am Keyboard, Igor Vedeneev. Er ist es, der der Connection den besonderen Sound verleiht und oft die Melodieführung übernimmt mit seiner kreativen Tastenarbeit. Ein Blueser ist Igor, ein Jazzer, ein Hardrocker, der sich an den Tasten mühelos durchsetzt gegen die Gitarren, das Schlagzeug, den Bass und den Schreigesang des Bandleaders Donnelly.

Mehr Schreien statt Singen ist auch die Passion von Fabian Spang von Muddy What?. Was erzählt er nur mit seiner Stimme á la Posaunen von Jericho? Will er etwa Mauern einreißen? Das will er nicht. Denn seine Interpretationen bekannter Blues- und Rock-Nummern werden genial umerzählt. Die Leadführung wird nämlich oft von einer Mandoline übernommen. Diese zirpt mal, wie es sich für dieses Instrument gehört, das an diesem Abend natürlich elektronisch verstärkt wird. Mal sind ungeheuer rasche Läufe zu hören, zart wie ein Vogeljunges oder kreischend wie eine verärgerte Krähe. Selten bleibt das Plektrum der Mandolinenspielerin auf einem Ton. Was sie an Melodie nuanciert ist reiner Genuss für die Zuhörer, die das gerne und laut mit Applaus bekunden. Und sie sorgt dafür, dass der Blues, der beständig vor sich hinrollt und einlullt, kantiger wird, rauer, variantenreichen. Der Bassist hinter ihr ist nicht nur für die Basis zuständig, sondern arbeitet aktiv mit, lässt ab und zu ein rockiges, ofenrohr-schwarzes und knackiges Solo hören, das in den Magen fährt.

Die von Fabian Spang geschriebenen Songs wie "One More Time" fabuliert einmal mehr die Mandoline. Sie haucht und zwitschert, wärmt und treibt ohne die Ballade unnötig hart zu machen. Jetzt kommen Gefühle ins Spiel, wunderschöne Intros, gefühlige Melodien, doch abrupte Abbrüche. Und Fabian Spang singt, brüllt, schreit sich dazu die Seele aus dem Leib. Immer nur ganz kurz, vielleicht zwei Liedzeilen lang über Sehnsucht, Liebe, Enttäuschung, Vertrauen. Dann aber ist es auch wieder genug mit Balladen-Feeling und der Rhythmus treibt, schiebt, reibt - immer schön im wiegenden, stöhnenden, klagenden Blues. Das Publikum ist nun endgültig auf der Seite dieser ungewöhnlichen Formation und tobt, klatscht und pfeift.

Das tut es auch bei Alex Donnelly und seinem Quintett. Einige - Frauen meist - hält es nicht auf den Stühlen. Sie wollen mittoben, mitgrooven, sie rütteln sich und schütteln sich und lassen die Haare fliegen. Während Muddy What? die gut ausformulierten Songs einfach abbricht, erlauben sich die Fünf pompöse Abschlüsse, bei denen dem Publikum nichts anderes übrig bleibt, als Beifall zu spenden, zu jubeln und zu pfeifen. Und dann schaut noch ein Special Guest vorbei: ein Keyboarder der legendären Krautrockgruppe Amon Düül. Wow, was treibt der Mann da auf den Tasten. Er macht das, was Jimi Hendrix weiland mit den Gitarrensaiten veranstaltete: verzerren bis zur Schmerzgrenze. Ob der Musiker tatsächlich ein Amon-Düüler ist, bleibt im Bühnendunkel. Keine Zeit für Storys.