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Pipapo-Festival in Geretsried:Sprechende Bilder

Geltinger Kulturtage 2019 - PiPaPo

Kräftige Komplementärfarben prägen Ralf Steinbergers Fotografien. Sie zeigen Menschen in alltäglichen wie in feierlich-rituellen Situationen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Ralf Steinberger präsentiert im "Hinterhalt" starke und impressive Fotos von Menschen aus aller Welt

Der Blick für das besondere Motiv und das Gespür für Sprache finden sich vereint in Ralf Steinbergers Fotografien. Unter dem Motto "Die Welt ist bunt und das ist gut so" stellt er nach einigen Ausstellungen im Ausland seine Bilder erstmals in Deutschland aus - im Geltinger "Hinterhalt" als Beitrag zum dortigen Pipapo-Festival. Der promovierte Sprachwissenschaftler und Computerlinguist lichtet nicht nur die Vielfalt und den Farbenreichtum der Welt und ihrer Menschen ab, sondern stellt seine Motive in einen kompositorischen und kontrastreichen Zusammenhang.

Oft sind es starke Komplementärfarben in den menschlichen Porträts, den Gebäuden und religiösen Szenen, die Steinbergers Fotos einen impressiven Ausdruck verleihen. Sie erzählen auch Geschichten aus dem Alltag; Geschichten von Menschen, die er auf der Straße traf; von rituellen Zeremonien, wie sie ganz selbstverständlich verübt werden; oder Geschichten von Menschen bei der Arbeit, die konzentriert ihr tägliches Werk verrichten, und nur kurz aufblicken zu scheinen zur Kameralinse, die auf sie gerichtet ist.

Steinberger, der mehrere Sprachen spricht, geht in Kontakt mit den Menschen, die er fotografieren möchte. Er stiehlt seine Motive nicht heimlich im Vorübergehen, er konfrontiert sich mit seinen Modellen und fragt sie um Erlaubnis. Nur wenige sagen Nein, die meisten lassen es zu und bleiben dabei unglaublich wahrhaftig und natürlich. Sie posen nicht, möchten nicht gefallen, sie überlassen sich einer Kamera, der sie vertrauen. Eben diese vertrauensvoll aufgebaute Beziehung teilt sich in Steinberges fotografischen Arbeiten mit.

Er hat seine Ausstellung im großzügig schönen und frisch renovierten Raum des Hinterhalts aufgebaut. Das Vernissage-Publikums spendete dort Applaus für Assunta Tammelleo und ihren Kulturverein Isar Loisach (KIL), der die Ausstellung organisiert und betreut hat. Der Künstler hat ihr die Struktur von sieben Serien gegeben: Straßenporträts, Schilder, Transport, Menschen bei der Arbeit, Gebäude, Tankstellen, Religion. Eine Sonderserie Toiletten ist im "Hinterhalt" am passenden Ort gehängt, mit der Möglichkeit für Kommentare und Klosprüche. Wobei sich diese Fotos gar nicht scheuen, auch auf den oft recht primitiven stillen Örtchen lustige, alltägliche und nicht tabuisierte Begebenheiten erzählen: Ein mit Efeu bewachsenes Urinal zum Beispiel, das mit schwarzen Plastikbändern als verboten und nicht benutzbar gekennzeichnet ist, weil eben die Pflanze Vorrang hat; oder ein kleines Mädchen mit heruntergelassenen roten Hosen, das auf der Brille sitzend noch schnell auf der Geige ihr Stück übt, dabei aber allerdings vom Blatt auf dem Notenständer spielt.

Ein Beispiel für den starken farblichen komplementären Kontrast wäre der sonnengegerbte Tuareg, ein absoluter Blickfang. Er trägt die landesüblichen Kopfbedeckung, den Tagelmust, eine pflanzlich gefärbte lange Stoffbahn, die um Kopf und Nacken gewickelt wird. Das Ockergelb seines Turbans kontrastiert mit seinem indigofarbenen Gewand. Vertieft wird dies durch die etwas dunkler abschattierte ockerbraune Lehmwand eines Hauses hinter seiner Gestalt.

Ein anderer beispielhafter Blick für das immanente Geschichtenerzählen in einer Momentaufnahme ist in der Serie Religion auf eine junge, modisch gekleidete Italienerin gerichtet, die in einer neapolitanischen Kirche in den Katakomben den dort aufgerichteten Totenschädeln ganz selbstverständlich nach alter Tradition Kerzen weiht, um Hilfe von den Toten für ihre Angehörigen zu erhalten. Es sind liebevolle Sichtweisen auf die Menschen in aller Welt, fotografiert hat Steinberger vor allem in Afrika, Südamerika und Asien. Einige seiner Bilder zeigen die großartige Kreativität und Selbstverständlichkeit der Bewohner aus Kamerun, Marokko oder Guatemala, auch mit schwierigen Lebenssituationen umzugehen: Die fünfköpfige Familie auf einem Motorrad in Nordindien zum Beispiel oder der junge Schwarze aus Mali, der Hab und Gut auf seinem schmalen Kanu transportiert und nebenher sein schwimmendes Pferd am Seil mitführt.

Der Wolfratshauser Lichtdesigner Günter Klügl hat Steigenbergers Fotos ins rechte Licht gesetzt. Er hat bewegliche Stelen und Lichtobjekte geschaffen, welche die Bilder plastisch werden und leuchten lassen. Seine Lichtelemente, die "magic lights" schaffen zusätzliche Lichtspiele und Reflexionen in Spektralfarben. In seiner Lichtshow am Ende der Vernissage zeigt er, wie Licht die Wahrnehmung verändern kann. Dann taucht er den ganzen Ausstellungsraum in Grün und jetzt nimmt der Zuschauer - weil die Grünreflektoren im menschlichen Auge überfordert sind - nur noch Rosa wahr. Das ausgeklügeltes Lichtdesignkonzept fügt nach Klügls Motto "Ich schenke Licht Bedeutung!" den Fotos eine Dimension hinzu. Es wirft die Frage auf, ob wir das, was wir zu sehen glauben, in einem anderen oder neuen Licht nicht auch anders sehen könnten.

Ralf Steinberger: "Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte; bis 29. November im "Hinterhalt", Leitenstraße, Gelting; www.kulturverein-isar-loisach.de;

© SZ vom 25.11.2019

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