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Ökologie im Klassenzimmer:Wenn die Tüte zur Gefahr wird

Plastik wird nicht selten zu Müll im Meer, der Tieren und Menschen nachhaltig schadet. An zehn Schulen im Landkreis sensibilisieren Vorträge und Aktionen in Kooperation mit "Oberland plastikfrei" Kinder für den Schutz der Ozeane

Eine Buckelwaldame schiebt sich durch die Tiefen des Ozeans. Sie wiegt 20 Tonnen, ist so groß wie ein Lastwagen. Bettina Kelm schwebt neben dem Tier: Flossen, Neoprenanzug, Sauerstoffflasche, Taucherbrille und Kamera. Ganz ruhig ist alles, hier unter Wasser. Doch dann wendet der Wal seinen massigen Körper in Kelms Richtung. Die Taucherin bekommt Angst - drei Sekunden Blickkontakt zwischen Tier und Mensch. 20 Tonnen bewegen sich auf Kelm zu. Dann passiert das Unfassbare: Der Wal rumpelt und kracht nicht gegen die Frau - sachte legt er seine fünf Meter lange Flosse um sie und gleitet langsam an ihr vorbei.

Dieses Erlebnis, so nah und behutsam an dem gigantischen Tierkörper, habe sie geprägt, sagt Bettina Kelm, freiberufliche Autorin und Journalistin sowie Mitglied der Umwelt-Organisation "OneEarth-OneOcean". "Tiere sind sehr rücksichtsvolle und intelligente Wesen. Sie wollen uns nicht verletzen", sagt die 44-Jährige. Menschen hingegen seien nicht loyal und verschmutzten den Lebensraum der Tiere.

Von dieser Begebenheit mit dem Wal erzählt Kelm den Kindern der Grundschule Benediktbeuern. "Warum wir die Meere retten müssen" heißt der eineinhalbstündige Vortrag, mit dem Kelm die Buben und Mädchen für den Schutz der Ozeane begeistern will. Den Vortrag hält Kelm in Kooperation mit der Kreisgruppe "Oberland plastikfrei". Vor zwei Jahren sei der Bund Naturschutz (BN) auf Kelm und ihre Plastik-Fasten-Aktion aufmerksam geworden, sagt Diana Meßmer, Umweltbildungsreferentin des BN. "Wir haben uns entschlossen, auch etwas gegen Plastik zu unternehmen", sagt sie. Inzwischen hat "Oberland plastikfrei" zehn Partnerschulen im Landkreis gefunden, die sich für eine plastikärmere Zukunft einsetzen wollen. Die Grund- und Mittelschule Benediktbeuern ist eine von ihnen.

Bettina Kelm bringt Kindern wie hier in der Grund- und Mittelschule Benediktbeuern nahe, was sie für den Meeresschutz tun können.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

40 Augenpaare von Schülern sind gebannt auf den Bildschirm gerichtet: Orkane, Buckelwale, Seekühe, Schweinswale, Delfine. "Boah" und "krass" bricht es aus ihnen heraus. Kelm zeigt sie auf, dass jeder Schüler ganz einfach selbst etwas zum Umweltschutz beitragen kann. "Wir alle können Meeresschützer werden", sagt sie. Auf einer digitalen Weltkarte tanzt Kelms roter Laserpointer über Mittelmeer, Pazifik und den Indischen Ozean. Sie dreht den Globus - alles blau. "70 Prozent unserer Erde ist mit Wasser bedeckt", sagt sie. "Jeden zweiten Atmenzug habt ihr dem Plankton in den Gewässern zu verdanken." Die Meere seien also nicht nur wichtig für die Tiere, sondern auch für die Menschen. Kelm erzählt von kranken Korallenriffen, bedrohten Mangrovenwäldern, verletzen oder von ihrer Mutter getrennten Seekuhbabys. Um die Spannung zu brechen, taucht die Bichlerin mit den Kindern in die Tiefsee - comicartige Wesen mit großen Augen blicken die Schüler an - sie sind begeistert.

Das Projekt des BN ist mit dem Qualitätssiegel "Umweltbildung Bayern" ausgezeichnet und wird daher mit 23 000 Euro durch den Umweltfonds des bayerischen Umweltministerium gefördert. Das Geld wird nun auch für die Zusammenarbeit mit den Schulen genutzt. Honorare für Referenten wie Bettina Kelm, Sammelbestellungen zu Büchern mit Plastikmüll-Thematik und auch Workshops und Lehrerfortbildungen können unterstützt werden. In der Mittelschule Wolfratshausen, der Montessori-Schule Bad Tölz und der Grundschule Reichersbeuern hat Kelm bereits Vorträge gehalten. Die Kinder in Reichersbeuern seien so begeistert gewesen, dass Meßmer der Schule nun einen Satz Bücher mit Plastikfrei-Leben-Thematik leiht. Außerdem hätten Lehrer der Grundschule Münsing einen Multiplikatorenworkshop gemacht. "Ich hoffe doch, dass die Lehrer ihr Wissen teilen und die Schule selbst Aktionen startet", sagt Meßmer. Vom Umweltministerium habe "Oberland plastikfrei" ein Netz geschenkt bekommen, das Mikroplastikpartikel aus dem Wasser fischen kann. "Mit Schülern könnte man damit an die Isar oder Loisach gehen, um ein Bewusstsein zu schaffen, was alles Unsichtbares in unseren Gewässern schwimmt", sagt sie.

Plastikmüll im Meer

Die größte Müllansammlung im Meer ist laut Kelm inzwischen so groß wie Europa. Auch an deutschen Küsten findet sich immer mehr Plastik.

(Foto: Stefan Sauer/dpa)

"Oh mein Gott!", wispert ein Mädchen. Chipstüten, Autoreifen, Snackverpackungen, Schnüre, Sonnenschirme - Müll an den Stränden Asiens und Deutschlands. "Das ist ein sehr schlimmes Problem", sagt Kelm. Die größte Müllansammlung im Meer sei so groß wie Europa. In Panama hat Kelm mit Freunden einer Schildkröte das Leben gerettet: Ein Eimer hing ihr um den Hals, Plastikstriemen schnitten in die Flosse - und fast wäre das Tier an einer Schnur erstickt. Dass Meeresbewohner Plastiktüten mit Futter wie etwa Quallen verwechseln, sei kein Einzelfall: Ein Wal in Norwegen habe 35 Plastiktüten im Magen gehabt und sei gestorben.

Bettina Kelm hält schon seit 2013 Vorträge an Schulen zum Thema "Plastikfrei leben" - früher zwei bis dreimal im Jahr, heute zweimal in der Woche. "Damals war ich viel auf Reisen. Jetzt nicht mehr, da es ja auch nicht das Beste für die Umwelt ist", sagt sie. "Die Schüler zeigen in den Vorträgen immer großes Interesse", freut sie sich. Auch Sebastian (8), Livia (9), Pauline (8) und Korbinian (9) sind beeindruckt von Kelms Vortrag. Pauline findet es schrecklich, wie viel Plastikmüll im Meer schwimmt und dass sich die Tiere daran verletzen. "Es ist gut, dass es Menschen gibt, die den Tieren helfen", sagt Korbinan. Helfen will auch Sebastian: "Wenn ich groß bin, werde ich mich wie mein Vater für den Bund Naturschutz einsetzen und die Aktion 'Stofftaschen statt Plastiktüten' gründen", sagt er. Schon öfter habe er Bilder von verdreckten Stränden im Fernsehen gesehen, aber dass Müllanhäufungen so groß wie Europa sein können, habe er sich nicht vorgestellt. Auch Livia möchte aktiv werden und mit ihren Freundinnen Plakate gegen Plastikmüll basteln. Fest steht jedenfalls für alle: Plastikbrotzeitboxen, Plastikflaschen und Plastiktüten werden nicht mehr gekauft.