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Musik aus Geretsried:Profiarbeit auf Spendenbasis

"Wir halten nicht einfach drauf": Kameramann Thorsten Thane und Tontechniker Hendrik Noeller haben ein qualitativ hochwertiges Live-Streaming in der Kulturbühne "Hinterhalt" etabliert

Von Barbara Szymanski, Geretsried

Hendrik Noeller und Thorsten Thane sind die Ruhe selbst im Chaos der Kabel, Stecker, Monitore, Mikros, Kameras, Tabletts, Gesangsfetzen und Gitarrenriffs. Während des Soundchecks zum Konzert der Carolin Roth Blues Band am späten Freitagnachmittag spulen Noeller und Thane ihr technisches Programm in der Kleinkunstbühne "Hinterhalt" in Gelting ab wie eine eingespielte Choreografie. Seit dem 10. März widmen sich die beiden regelmäßig der Aufgabe, Auftritte via Live-Streaming auf der Internetplattform Youtube zu präsentieren. Auch auf der "Hinterhalt"-Homepage können die Beiträge angeklickt werden. So ein großer Aufwand für so ein bisschen Virtualität?

"Wir legen großen Wert auf Qualität", sagt Hendrik Noeller und lächelt. Die Sängerin Carolin Roth weiß es zu schätzen, dass er auf ihre Wünsche eingeht. Es gilt, die Shaker-Instrumente an ihren Händen und Füßen, vor allem aber ihre farbenreiche jazzige Blues-Stimme ausgewogen zu übertragen. Sollen die Bühnenmonitore hierhin oder dorthin, Mikros hoch oder tiefer? Ist das Licht gut? Duo-Mitglied Balthasar Hechenbichler mit seiner siebensaitigen Gitarre ist ebenfalls zufrieden, dass nicht nur sein rollendes, inspirierendes Blues-Spiel, sondern auch die kellertiefe siebte Saite, die den Bass ersetzt, so prima aufgemischt und hörbar wird. "Ich muss die Musiker und deren Spiel und Gesang gut bedienen", stellt Noeller sachlich fest.

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"Eine spannende Experimentier-Phase" für Hendrik Noeller (Foto) und Thorsten Thane.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Wirtin Assunta Tammelleo kocht derweil Kaffee, reicht Erfrischungen und hat ein ähnliches Dauerlächeln im Gesicht wie die mehr oder weniger ehrenamtlich wirkenden Techniker. "Der Hinterhalt macht keine Pandemie-Pause. Wir wagen den Sprung in die neue Welt der virtuellen Auftritte", verkündet sie.

Noeller, der Elektrotechnik studiert und sich derzeit auf den Master-Abschluss vorbereitet, hat nach eigenem Bekunden Spaß an dieser Echtzeitübertragung. Diese Technik sei neu für ihn gewesen, sagt er. Die Arbeit am Mischpult sei hingegen fast schon Routine. Bereits mit 16 Jahren hat Noeller, der als Drummer bei der Indie-Pop-Band Elena Rud mitspielt, bei vielen Gastspielen den Ton gemischt.

Sein Kollege Thorsten Thane hat sich ebenfalls hineingearbeitet in die Streaming-Technik. Der Filmemacher, Drehbuchschreiber und Mitarbeiter bei der BR-Krimiserie "Hubert & Staller" bedient die Verfolgerkamera und die Kameras für die Totale, Sprünge oder seitliche Eindrücke sowie Laptop und Tablett. Das High-Tech-Equipment ist sein Eigentum, das er dem "Hinterhalt" zur Verfügung stellt. "Wir halten nicht einfach drauf auf die Bühne", sagt er. "Es wird professionell herangefahren, überblendet; es gibt Einzel- und Gesamtbilder. Und das alles live." Auch er hat offenkundig Spaß am Live-Streamen, obwohl es auch für ihn Neuland war. "Es war und ist eine spannende Experimentier-Phase. Aber wir sind alle happy, dass es so gut ankommt und immer weitere Kreise zieht."

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Thane (Fotot) und Noeller setzen in ihrer Arbeit hohe Qualitätsmaßstäbe an.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Nun wird Marius Hammerschmied begrüßt, der einige neue Teile für die Beleuchtung mitbringt. Auch der junge Geretsrieder ist Teil des technischen Teams im "Hinterhalt". Auch er gehört zu den Idealisten, welche die Kleinkunstbühne in der Krise am Leben und im Gespräch beim Publikum und den Künstlern halten.

Die Künstler und das Technik-Team teilen sich die Spenden, die eingehen. Für alle sind das keine großen Einnahmen. Es ist auch bei weitem kein finanzieller Ausgleich für ihre daniederliegenden Jobs in der Entertainmentbranche, aber immerhin ist es eine Anerkennung, sozusagen Applaus.

Thane liebt wie die anderen auch die besondere Atmosphäre im "Hinterhalt". Und er stellt fest: "Wir sind doch eigentlich Corona-Gewinner. Nicht zuletzt deswegen, weil wir tolle Menschen und Künstler kennenlernen."

© SZ vom 07.07.2020

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