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Museum online:Große Nähe zur Kunst aus der Ferne

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Der Torso ist Exponat in "Franz Marc. Die Skulpturen".

(Foto: Franz-Marc-Museum/oh)

Das Franz-Marc-Museum gewährt Besuchern virtuellen Zutritt zu ausgewählten Skulpturen und Gemälden

Von Paul Schäufele, Kochel am See

Durch die Museumspforten zu gehen wirkt wie ein Ritual - kaum ist die Grenze überschritten, wird genauer hingeschaut. Das Museum betreten heißt immer auch einen Raum erkunden, Formen, Farben und ihre Anordnung nachvollziehen. Die Pforten werden wohl noch eine Weile geschlossen bleiben, doch die Schule des genauen Blicks soll nicht verkümmern. Das Franz-Marc-Museum lädt deshalb mit schöner Regelmäßigkeit dazu ein, Kunstwerke, die sonst in Kochel am See direkt erfahrbar sind, auf dem Bildschirm zu bestaunen.

Jeden Freitag stellt das Museum eine kleine Werkgruppe aus Stücken zusammen, die zu der Ausstellung "Franz Marc. Die Skulpturen" gehören, einer Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Moritzburg in Halle an der Saale. Das erste Ensemble ist Franz Marcs Panthern gewidmet. Es sind recht kleine Großkatzen, doch in ihnen konzentriert sich Bewegung. Zehn Zentimeter hohe, geballte Vitalität. Natürlich wird hier, im Bereich der Plastik, besonders deutlich, dass der Museumsbesuch unersetzlich ist. Zu gerne würde man um die Mini-Skulpturen schleichen, seien es Panther, Pferde oder Frauentorsi. Gut, anfassen war wohl noch nie erlaubt. Doch auch die Erschließung der dynamischen Oberflächeneffekte, der Licht-Reflexe auf den kurvigen Körpern, wird noch etwas auf sich warten lassen.

Entschädigt wird der Betrachter ein wenig durch die knappen Zusatztexte, die interessante Details zum Kontext der Werke verraten. Wer sich lieber kompakt über die Skulpturen des jung verstorbenen Künstlers informieren möchte, kann sich an die Broschüre zur Ausstellung halten, die ebenfalls auf der Website des Museums durchgeblättert werden kann.

Nun ist das Kunstwerk ja nicht erst seit gestern im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit und dass ihm da möglicherweise viel an Aura verloren ging, ist eine naheliegende, darum aber nicht weniger traurige Wahrheit. Vielleicht wäre es trotzdem nicht schlecht, sich zu fragen, welche Vorteile die stille Betrachtung zu Hause im privaten Studio haben könnte. Wer sich zum Beispiel durch physische Annäherung ins einzelne Pigment auf der Leinwand versenken wollte, wurde dabei bislang durch schrillen Alarm oder unmissverständliche Mahnworte des Personals gestört. Dienstags können sich Kunstbegeisterte von jetzt an ungehemmt solchen Meditationen widmen - Nähe zur Kunst in Zeiten sozialer Distanzierung. In der neuen Rubrik "Bilder-Zoom" präsentiert das Kochler Museum ein Mal pro Woche jeweils ein Detail, einen Ausschnitt aus einem der Schätze der Sammlung.

Gerade bei den Gemälden, die zu den bekanntesten der Sammlung zählen, hat dieses Vorgehen seinen eigenen Reiz. Denn Wassily Kandinsky, Ernst Ludwig Kirchner und der Namensgeber des Museums verhalfen der Farbe zu ihrem Recht, indem sie sie effektvoll auf der weißen Leinwand explodieren ließen. Was schon von Weitem als flächige Inszenierung der Vielfarbigkeit begeistert, erhält tieferen Sinn erst durch das Wechselspiel von Detail und Ganzem. Und das Ganze ist auch hier nur einen Klick entfernt. Blitzschnell lässt sich so ein Spiel mit dem Maßstab durchführen, das sonst nicht möglich wäre. Auf derselben Bildschirmfläche lässt sich in einer Bewegung ein Leinwandausschnitt, auf dem einzelne Poren zu sehen sind, erweitern zum einen Meter langen Gemälde. Der Kopf des Heiligen Georg in Kandinskys Bild ist so auch in nächster Nähe von intensivem, den Bildschirm ausfüllendem Rot, in der Totale ist derselbe Kopf nur ein Fleckchen, um das sich hellere Farben gruppieren - und doch ist es der Glutkern der Bildkomposition.

So wird die Zeit überbrückt bis zum nächsten digitalen Ereignis des Franz-Marc-Museums: der (virtuellen) Eröffnung der Ausstellung "Anselm Kiefer. Opus Magnum" am 17. Mai. Doch vor allem macht das Museum so auf diskrete Weise zwei Mal wöchentlich darauf aufmerksam, dass es viele Wege zum Kunstgenuss gibt, der schönste aber der ist, der ins Museum führt.

franz-marc-museum.de

© SZ vom 23.04.2020
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