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Mitten in Lenggries:Grenzerfahrung mit Schlenker

Richtung Sylvensteinsee ist es so schön, da vergisst man schon einmal sein eigentliches Ziel

Glosse von Felix Haselsteiner

Eine Reportage von der Grenze, ein Text, der beschreibt, wie es sich anfühlt, wenn am kleinen Grenzübergang im Hinterland des Sylvensteinsees wieder kontrolliert wird, das war die Idee. Der Reporter machte sich also auf und weil die Fahrt aus München eine gute Stunde lang durch das wunderschöne bayerische Oberland führt und dazu die wunderbare Musik von Labrassbanda im Auto lief, war der Reporter irgendwo hinter Lenggries in einem beseelten Trance-Zustand angekommen. Landschaft, Musik, leere Straßen, fließende Gedanken. Man hätte ja auch gut und gerne auf dem Weg in den Urlaub nach Italien sein können. Hach, Italien, Sonne, Wärme - was wäre das jetzt fein. Da schau her, die Isar, wie schön sie fließt. Und der Sylvensteinsee, wie traumhaft er sich an die Berge schmiegt und ach, das ging flott, da vorne ist ja schon die Grenze.

Halt! Die Grenze! Erst kurz nach dem Schild, das den Reporter darauf hinwies, dass Österreich nur noch etwa 250 Meter entfernt war, bemerkte er, dass so eine Grenzreportage ihre Tücken hat: Man kann ja nicht einfach über die geschlossene Grenze drüber und dort parken, um sich umzusehen.

Also, Fenster runter, und weil der Reporter Inhaber einer österreichischen Staatsbürgerschaft ist, warf er den Dialekt-Modus an. "Servus, des is jetz deppad vo mir gwen. I mecht goa ned umi, i bin Reporter und dad eigentlich gern mit eich redn, wos so los is an der Grenz." Ein erheitertes Grinsen beim Beamten des österreichischen Bundesheers später musste der Reporter seinen Personalausweis abgeben, durfte etwa 300 Meter nach Österreich fahren, umdrehen und dann auf der anderen Seite der Grenze ankommen, wo einen der Beamte schon mit dem Ausweis erwartete. Heimische Gefühle entstanden in den 45 Sekunden Aufenthalt in Österreich allerdings durchaus: Die Mobilfunkgesellschaft hatte den Grenzübertritt längst bemerkt und schickte freudig eine Info-SMS über Zusatzgebühren: "Herzlich Willkommen in Österreich!"

© SZ vom 23.02.2021
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