Mitten in Geretsried:Extra lange Leitung

Verlängerungskabel werden gemeinhin eher leideschaftslos betrachtet. Nicht jedoch von einem Siebenjährigen in Geretrsied, der alle Kabeltrommeln in der Nachbarschaft eingesammelt hat

Glosse von Florian Zick

Es ist eine etwas bizarre Leidenschaft. Denn Verlängerungskabel, damit verbindet man doch vor allem Arbeit. Entweder man stöpselt damit den Rasenmäher an, um im Garten den zu lang gewachsenen Grashalmen zu Leibe rücken zu können, oder man schleppt sie auf der Baustelle in den dunklen Rohbaukeller, um dort für das anschließende Gebohre und Gemeißel den Scheinwerfer anknipsen zu können. Im besten Fall noch lässt man die Kabeltrommel übers Fenster aus dem vierten Stock in den Hof hinunter, um dort wie einst der Autor dieser Zeilen einen frühzeitlichen Elektroroller aufzuladen. Anders ging das nicht, im Altbau gab es damals eben noch keine Wallboxen. Aber wie man sieht: Auch das Rollerladen hat mit einer gewissen Mühsal zu tun.

Ein etwas anderes Verhältnis zu Stromkabeln hat offenbar ein Siebenjähriger aus Geretsried. Wie die Polizei berichtet, ist das Grundschulkind am Montagnachmittag durch das sogenannte Blumenviertel gestreunt und hat alle Verlängerungskabel zusammengesucht, die es nur finden könnte. Auch geschlossene Garagentore und Gartenhäuschen waren dem Bub dabei nicht heilig. Weil dieser bei seiner Erkundungstour logischerweise auch Privatgrundstücke betreten hat, steht nun der Vorwurf des Hausfriedensbruchs im Raum. Der junge Stromliebhaber hatte am Ende jedenfalls eine erkleckliche Anzahl an Verlängerungskabeln beisammen. Diese steckte er in Reihe hintereinander und legte sie auf der Straße aus. Sein Werk vollenden konnte der Siebenjährige allerdings nicht. Eine herbeigerufene Streife sammelte das Diebesgut ein. Die Stromkabel warten nun bei der Polizeiinspektion auf Abholung.

Was der Bub mit den Kabeln vorhatte ist nicht überliefert. Rasenmähen oder Schächtemeißeln ist jedoch eher unwahrscheinlich. Vielleicht war sein Streetscooter mit leerem Akku liegen geblieben, die Schulgeneration von heute ist schließlich oftmals schon elektrisch unterwegs. Und vielleicht war die nächste zugängliche Steckdose nicht vier Stockwerke über ihm, sondern vielleicht vier Straßen weiter.

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