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Mitten in der Region:Haarige Angelegenheit

Auf dem Kopf struwwelpetert es, die Friseursalons haben coronabedingt aber zu. Eine ziemlich missliche Lage

Glosse von Klaus Schieder

Der Blick morgens in den Badezimmerspiegel ist meist nicht geeignet, mit guter Laune in den Tag zu starten. Die müden Augen, die vielen Falten und vor allem jene, die gestern noch nicht da waren, die grauen Haare. Loriot hatte schon recht. Aus der Feder des Humoristen stammt der Satz, wer behaupte, Schlaf mache schön, beweise nur, dass er noch nie jemanden aufstehen sah. Hinzu kommt in diesen elenden Corona-Zeiten, dass die Friseurläden schon seit fast einem Monat geschlossen sind. Der letzte Termin war zwar haarscharf vor dem zweiten Lockdown, aber mittlerweile wuchern die Haare wieder struwwelpetermäßig in alle Richtungen. Manche wachsen schon über den Spiegelrand hinaus. Haarje ... , sozusagen.

In der Kindheit wäre so eine Friseur kein Problem gewesen. In den Siebzigerjahren hatten die Herrenschneider eher wenig zu schnippeln - die Haarpracht, sofern vorhanden, sah ziemlich hippieartig aus, die Koteletten breiteten sich fast bis zu den Mundwinkeln aus. Einen gepflegten Eindruck machte damit kaum jemand, zumal, wenn einer auch noch das Shampoo allzu haushälterisch gebrauchte. Allerdings erschienen damals auch viele Friseursalons irgendwie noch als Relikte der Fünfzigerjahre, man wartete in Reih und Glied mit anderen Kunden, atmete billigen Haarwasserduft ein und hörte dem beschürzten Meister der Schere zu, der in der Regel drei Gesprächsthemen kannte: Fußball, Fußball, Fußball. Heutzutage ist das ganz anders. Friseurläden sind Wellness-Studios, wo der Kunde sofort zum edlen Waschbecken geleitet wird, wo ihm eine Strähnendesignerin mit einem Ayurveda-Shampoo sanft den Kopf massiert, wo er nach dem Aufwachen einen Lederpolsterplatz vor dem Spiegel bekommt und eine Allerneuestemode-Frisur, nach der man sich ja gar nicht mehr die Haare zu waschen getraut.

Damit ist es erst einmal vorbei. Also her mit der Haushaltsschere, um mit der Do-it-yourself-Methode zumindest die Spitzen zu kürzen. Alsbald drängen sich dabei allerdings die Verse eines anderen Humoristen auf. Wilhelm Busch ließ einst Fipps, den Affen, anstelle des Friseurmeisters einen Kunden namens Dümmel bedienen. Das Ergebnis: "Die Schere zwickt, die Haare fliegen; dem Dümmel macht es kein Vergnügen. Oha! Das war ein scharfer Schnitt, wodurch des Ohres Muschel litt." Dann doch besser ein Corona-Hippie bleiben.

© SZ vom 09.01.2021
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