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Mitten im Alltag:Genießen auf Knopfdruck

Im Freien essen, trinken und verweilen - ganz ohne Auflagen? Wir sind entwöhnt

Glosse von Claudia Wessel

Was macht man eigentlich im Biergarten? Zum ersten Mal seit keine Ahnung wann - war es vielleicht im vergangenen Sommer oder im vorigen Jahrhundert? - besteht die Möglichkeit, sich in einem Biergarten oder in einem Straßencafé niederzulassen. Auf einer Bank, die zum Sitzen konstruiert wurde, an einem Tisch, der zum Abstellen von Speisen gedacht ist, mit Tellern und Gläsern. Das ist doch etwas grundsätzlich Erfreuliches, nachdem man in den vergangenen Monaten an den unglaublichsten Stellen gegessen und getrunken hat. Etwa eine Pizza mit den Händen aus dem Karton, abgestellt auf den zusammengeklappten Tischen und Stühlen einer geschlossenen Pizzeria. Und das bei Temperaturen, die nicht wirklich zum Freiluftspeisen einluden.

Auch Mauern eignen sich wunderbar als Tische, hat man im Gastro-Lockdown festgestellt. Fand man etwa einen geöffneten Kiosk, in dessen Nähe man sich nicht aufhalten durfte, stellte man sich eben an die kleine Brücke und stopfte Wiener mit Semmel rein. Ging doch immer nur darum, möglichst schnell den Hunger zu stillen, und nicht ums Verweilen. Welch böses Wort! In die Geschichte eingehen wird auch das Sushi - gekauft im Lebensmittelladen - bei strömendem Regen, abgestellt auf dem Rand eines Mülleimers, in einer Hand den Schirm, mit der anderen der Versuch, die Sojasoße einzufüllen. Mantel vollgespritzt und mit Regenwasser abgewaschen. Und dann der Moment, als der Müllmann die Tüten im Abfalleimer auswechseln will. Ja, die Würde hat nicht nur gelitten, als die Friseure geschlossen waren.

Nun darf man wieder an Orten essen, die dafür vorgesehen sind. Es ist aber etwas Seltsames bei diesem allerersten Biergartenbesuch. Zuerst einmal die Verwunderung, dass niemand nach Impfpass oder Test fragt. Dass man "nur" seine Daten angeben muss. Danach steht man etwas ratlos mit seinem Tablett herum. Soll man jetzt nicht mehr so schnell wie möglich alles in sich hineinschlingen? Soll man wieder verweilen, genießen? Geht irgendwie nicht auf Knopfdruck. Wo ist die nächste Mauer?

© SZ vom 17.06.2021
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