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Lesen in Bad Tölz:"Ein positiver Schock"

Die kommissarische Leiterin Irina Schwindt kann für die Tölzer Stadtbücherei ein positives Fazit über 2020 ziehen - trotz der Lockdowns.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Tölzer Stadtbibliothek verzeichnet trotz pandemiebedingten Schließungen deutlich mehr Ausleihen

Von Klaus Schieder, Bad Tölz

Die Tölzer Stadtbibliothek ist für Bürgermeister Ingo Mehner (CSU) mehr als nur eine profane Bücherausleihestelle. "Sie ist ein Ort der Kultur", sagte er in der jüngsten Sitzung des städtischen Haupt- und Finanzausschusses. Für die kommissarische Leiterin Irina Schwindt ist die Bücherei ein "dritter Ort" - angesiedelt zwischen dem Zuhause und dem Arbeitsplatz der Leserinnen und Leser. Die hatten wegen der Schließungen in der Corona-Pandemie voriges Jahr jedoch nicht immer die Gelegenheit, in die Bibliothek an der Hindenburgstraße zu kommen. In zwölf von 53 Wochen war sie zu. Die Kurbücherei im Kurviertel war wegen Sanierungsarbeiten sogar noch sechs Wochen länger geschlossen. Für Schwindt war es "offensichtlich", dass die Tölzer Bibliotheken in dieser Zeit von ihrem Publikum "schmerzlich vermisst" wurden.

Die Lockdowns schlugen sich stark auf die Besucherzahl nieder. An der Hindenburgstraße schrumpfte sie von 73 544 Gästen im Jahr 2019 auf nur noch 49 695, im Kurviertel fiel sie von 5380 auf 2149. Weil die Freizeitmöglichkeiten in der Pandemie stark eingeschränkt waren, stieg auf der anderen Seite jedoch die Zahl der ausgeliehenen Medien in der Stadtbibliothek. Dort wurden insgesamt 170 277 Bücher, CDs oder andere Angebote ausgeliehen, dies sind rund zehn Prozent mehr als im Jahr davor. Noch kräftiger fällt das Plus bei der sogenannten Onleihe aus: 14 537 digital bestellte Medien bedeuten einen Anstieg von 23 Prozent. "Das war ein positiver Schock, als wir die Daten ausgewertet haben", resümierte Schwindt.

Die Veranstaltungsreihe "Thomas Mann und seine Familie" mit Dirk Heißerer, die Nächte der Bibliothek, die musikalische Lesung "Hermann Hesse tanzt aus der Reihe": All dies fiel Corona zum Opfer. Vor dem Beginn der Pandemie konnten noch eine Kochshow samt Lesung mit Autor Hans Montag, der regionale Vorlesewettbewerb und Treffen der Diskussionsrunde "Literatur im Café" stattfinden. Damit war es dann im März jedoch vorbei, der Literaturclub traf sich seither nur noch virtuell. An den Führungen durch die Bibliothek nahmen im Vorjahr lediglich etwa 300 Mädchen und Buben aus den Kindergärten teil, halb so viele wie 2019.

Abseits der Pandemie gab es auch ein paar Neuheiten in den Tölzer Büchereien. So wurden 45 Tonies und zwei Tonieboxen angeschafft - Figuren also, die auf kleinen Lautsprechern stehen und Geschichten erzählen. "Jeder Tonie wurde im letzten Jahr circa 15 Mal ausgeliehen", sagte Schwindt. Außerdem gibt es zehn neue Tablets, die Schülerinnen und Schülern einen niedrigschwelligen Zugang zur Bibliothek und zur Mediensuche bieten sollen. Geplant ist auch, die Rückgabe von Büchern oder CDs außerhalb der Bücherei-Öffnungszeiten zu ermöglichen. Dazu soll es eine eigene Box der Stadtbibliothek geben, "wo die Medien getrennt nach Büchern und Nonbook-Medien in die Einwurfschlitze gesteckt werden", wie Schwindt sagte. Die Kosten dafür belaufen sich auf etwa 42 500 Euro, die Fördermittel auf 38 000 Euro. Und noch etwas ist neu: Für Rentner und Schwerbehinderte ermäßigt sich die Jahresgebühr auf zwölf Euro.

Schwindts Fazit: "Auch wenn das Jahr 2020 für uns alle schwierig war, konnten wir von der Stadtbibliothek feststellen, dass Lesen, obwohl schon längst tot erklärt, immer noch 'in' ist."

© SZ vom 12.06.2021
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