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Kulturverein Isar-Loisach:Voluminöse Premiere

Kunstturm am Schwankl-Eck

Beachtlicher Monolog: Der 30-jährige Amateurschauspieler Moritz Fitzek verleiht seiner Hassliebe zum Kontrabass Ausdruck.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Moritz Fitzek eröffnet mit "Der Kontrabass" das "Schwankl-Theater"

Von Susanne Hauck, Wolfratshausen

Der Schwankl hat eine lange Geschichte in Wolfratshausen, jetzt erlebte das traditionsreiche Geschäftsgebäude seine Geburtsstunde als Schauspielhaus, und das gleich vor ausverkauftem Saal. "Wir haben heute das Schwankl-Theater begründet", freute sich Günther Klügl am Sonntagabend. Der Wolfratshauser Lichtdesigner, der zusammen mit dem Kulturverein Isar-Loisach hinter der Initiative steckt, sprüht vor ambitionierten Ideen, mit der er die neue Theaterreihe langfristig etablieren will. So soll das Stück beim nächsten Aufführungstermin im November mittels Multimedia-Technik über alle drei Etagen des Gebäudes gespielt werden.

Während zur abendlichen Stunde im Wolfratshauser Markt die Lichter schon längst ausgegangen sind, bildet der illuminierte "Kunstturm" zusammen mit dem gegenüberliegenden Pizzalieferdienst die letzte Bastion des städtischen Lebens. Einige Passanten schauen neugierig durch die großen Fenster herein, wo es sich rund 20 Zuschauer - mehr dürfen nicht herein - in cooler Galerie-Atmosphäre auf Bänken und Stühlen bequem gemacht haben.

Einakter sind normalerweise beim Publikum wenig beliebt, fehlt ihnen doch die beschwingte Pause, in der sich bei einem Glas Theatersekt ein erstes Resümee des Gebotenen ziehen lässt. In Zeiten von Corona allerdings ist dieses gesellschaftliche Intermezzo unerwünscht. So war es eine kluge Idee, Patrick Süskinds "Der Kontrabass" auszugraben, ein in den Achtziger Jahren beliebtes Stück, in dem es um die Leiden eines frustrierten Orchestermusikers geht. Der unerschrocken aufspielende Jungdarsteller Moritz Fitzek liefert über anderthalb Stunden einen wahren Marathon der Gedächtnisleistung ab, ist das Stück doch als Monolog angelegt.

Es ist die Stunde vor dem Auftritt. Am Bügel hängt schon der Frack. Fitzek trägt aber noch einen ollen Bademantel über dem schmuddligen Unterhemd, er pfeift sich vorsorglich ein paar Bierchen rein, weil's ja so heiß ist im Orchestergraben und ein Flüssigkeitsverlust droht. Anfangs ist er gockelhaft eitel, hält lang und breit Lobreden auf sich und sein voluminöses Instrument. Aber je mehr er redet, desto klarer wird, dass sein mittelmäßiges Talent halt zu nicht mehr als zum Brummbär unter den Streichern gereicht hat. Mit dem Kontrabass, dem unhandlichsten aller Instrumente, verbindet ihn eine Hassliebe. Er sieht aus "wie ein fettes altes Weib", er passt in kein Auto, er ist stummer Zeuge des Liebesspiels, er erfordert mehr Kraft als Virtuosität. Die Kontrabassisten müssen im Orchester ganz hinten stehen, von allen unbeachtet. "Wir sind in der Hierarchie ganz unten", bemitleidet er sich selbst. Üben tut er schon lange nicht mehr, sein trotziges Aufbegehren erschöpft sich darin, während des Konzerts einzelne Noten auszulassen.

Es ist wohl keiner im Publikum, der nicht darüber grübelt, wie Fitzek das so bravourös hinkriegt mit dem Text, so ganz ohne Helferlein, die ihm vergessene Sätze zuflüstern. Gut, ein paar kleine Hänger sind drin, die ihn aber nicht weiter aus dem Konzept bringen. Donnernder Applaus belohnt dann auch die Leistung dieses Tausendsassas, der reichlich Erfahrung aus einem Münchner Amateurtheater mitbringt und neben seinem Brotberuf als Postbote auch noch die Zeit findet, zusammen mit seinem Vater Michael Fitzek den Kunstturm als Galerie mit allerhand Kunstwerken zu bespielen.

Für ihn sei es das Natürlichste der Welt, sich diese Unmengen an Text anzueignen, verrät der 30-Jährige hinterher. Bei einem täglichen Lernpensum von anderthalb Stunden habe er die Rolle in drei oder vier Monaten beherrscht. Gar keine Angst davor, heute einmal ins Stocken zu geraten? Doch, zwischendurch schon. Das Bier aus den Flaschen sei nämlich echt gewesen.. "Da hab' ich mir gedacht, ui, ui, das war jetzt doch zuviel."

© SZ vom 20.10.2020

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