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Kreisklinik Wolfratshausen:Leserbrief

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Daseinsvorsorge ohne Profit

Zu "Niedermaier verteidigt Klinikpläne" vom 6. Mai:

Wieder einmal ist es den Journalisten der SZ zu verdanken, dass Fakten aus Hinterzimmern in die Öffentlichkeit gelangen, wo so ein wichtiges Thema auch hingehört.

Das Gesundheitssystem gehört ganz grundsätzlich zur Daseinsvorsorge eines Gemeinwesens wie die Trinkwasserversorgung. Es sollte nicht auf Gewinn ausgelegt sein.

Unterm Strich bedeuten die Aussagen von Landrat Josef Niedermaier doch, dass sich das Betreiben einer Klinik "rentieren" muss, was wiederum heißt, dass die Fachbereiche im Vordergrund stehen, die Geld einbringen. Das hat zur Folge, dass schwerpunktmäßig beziehungsweise ausschließlich Patienten behandelt werden, die im Rahmen der DRGs (Diagnosis Related Groups, Anmerk. der Redaktion) gewinnbringend abgewickelt werden können, und führt dazu, dass unter anderem die alten, multimorbiden und vielleicht schon pflegebedürftigen Patienten nicht aufgenommen werden oder als "unrentabel gekennzeichnet" (eine gängige Praxis von Asklepios, so munkelt man) möglichst schnell wieder entlassen werden.

Beispiele für diesen Rentabilitätswahn sind immer wieder private Pflegeheimbetreiber wie zuletzt die "Seniorenresidenz Schliersee". Oder auch die Asklepios-Stadtklinik in Bad Tölz, die zuletzt mit der Entlassung langjährig beschäftigter Stationshilfen und der Schließung der Geburtshilfe für Aufsehen sorgte - oder auch mit der Übernahme der Fachklinik Lenggries, um sich die Neurologie zu sichern und dann eine funktionierende, ausgelastete Klinik für Geriatrische Rehabilitation "im Hinterzimmer" - an Politik und Öffentlichkeit vorbei - an einen Investor zu verkaufen, was den Verlust von 90 Betten und von Arbeitsplätzen zur Folge hatte.

Jetzt wird der Kreisklinik Wolfratshausen im Zusammenhang mit den Aussagen einer Unternehmensberatungsfirma die Fähigkeit abgesprochen, ohne einen "strategischen Partner" überleben zu können. Die Klinik schreibt rote Zahlen, wie ganz viele andere Krankenhäuser auch.

Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, das Geld für die Beraterfirma zur Reduzierung des Defizits zu verwenden. Es kann durchaus gut sein, sich Rat von außen zu holen, allerdings ist es noch besser zu prüfen "wes Geistes Kind" derjenige ist.

Herr Landrat, erklären Sie uns bitte, was ein "strategischer Partner" besser macht. Er ist auch an die Vorgaben der Krankenhausfinanzierung gebunden, von der man inzwischen weiß, dass sie falsche Anreize setzt ("lukrative Operationen") und zum Beispiel Kinderkliniken in den Ruin treibt.

Auch ein "Partner" wird Probleme haben, ausreichend Fachpersonal, vor allem in der Pflege, zu bekommen. Dass die Einnahmen durch die DRGs Lohnsteigerungen nicht kompensieren, ist auch ein Fehler im System. Ein privater Träger löst das vermutlich, indem er seine Mitarbeiter zu schlechteren Bedingungen anstellt und schlechter bezahlt, oder er entlässt von heute auf morgen Personal, wenn es gerade nicht passt (siehe oben). Wollen wir das?

Haben Sie sich, Herr Niedermaier, die Altersstruktur im Landkreis und deren Entwicklung mal angeschaut? Wohin wird die Altersentwicklung gehen? Der Altersdurchschnitt wird steigen. Schon jetzt ist der ambulante medizinische Bereich für die Versorgung alter Menschen nicht gut aufgestellt, sowohl in der Finanzierung, als auch in der Strukturierung, wie auch bezogen auf die personellen Ressourcen.

Ambulant klingt gut, geht aber für viele Betroffene an der Realität vorbei. Qualität klingt gut, bloß was wird darunter verstanden - Hightech-Medizin?

Muss sich die Daseinsvorsorge im Rahmen eines Gesundheitssystems einem Wettbewerb unterwerfen? Könnte es nicht sein, dass dieses Wettbewerbsdenken grundsätzlich falsch ist und unsere Gesellschaft immer mehr in Gewinner und Verlierer, in Teilhabende und Nichtteilhabende spaltet?

Meine Überzeugung ist, dass Daseinsvorsorge im Bereich Gesundheit keinen Gewinn abwerfen kann und muss. Sie muss vorgehalten werden, um eine wohnortnahe medizinische Grundversorgung im Akutfall zu gewährleisten. Es geht hier schließlich um kranke Menschen.

Gerade die Corona-Pandemie sollte uns gezeigt haben, was in Gesellschaften passiert, die ihr Gesundheits- und Kliniksystem vernachlässigt oder abgebaut haben. Wir Bürger, und damit auch unsere politisch Beauftragten, sollten kein Interesse daran haben, dass das Profitdenken von Gesundheitskonzernen darauf zu viel Einfluss hat.

Gabriele Hirn, Münsing

© SZ vom 10.05.2021
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