Kloster Benediktbeuern:Wenn die Königin quakt

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Kloster Benediktbeuern: Voller Einsatz für den Feinschliff: Meisterkursleiter Markus Kreul, hier mit der Pianistin Ayna Schmitt und Sopranistin Susanne Müller.

Voller Einsatz für den Feinschliff: Meisterkursleiter Markus Kreul, hier mit der Pianistin Ayna Schmitt und Sopranistin Susanne Müller.

(Foto: Manfred Neubauer)

Markus Kreul und sein Meisterkurs bringen erstmals die "Wabenduette" der jungen Komponistin Elisabeth Fußeder zur Aufführung. Ein Projekt, das aufhorchen lässt.

Von Stephanie Schwaderer

Wer eine junge Bienenkönigin quaken hören will, muss im richtigen Moment zur Stelle sein und die Ohren spitzen. Das rätselhafte Geräusch erzeugt sie nämlich nur ein einziges Mal in ihrem Leben, wenn sie bereit ist, aus ihrer Brutzelle zu schlüpfen. Mit ihrem Quaken ruft sie Arbeiterinnen heran, damit diese ihr den Wachsdeckel öffnen. Danach wird sie sich strecken, die Flügel ausbreiten und auf Hochzeitsflug gehen - oder sie wird von einer anderen Jungkönigin abgestochen. Die junge Komponistin Elisabeth Fußeder hat sich vom Ruf der Bienenkönigin zu einer Komposition inspirieren lassen, die am Freitag, 26. August, im Kloster Benediktbeuern uraufgeführt wird. In diesen Tagen arbeiten Markus Kreul und sein Meisterkurs daran, Fußeders "Wabenduette" zum Klingen zu bringen, zum Schwirren, Brummen und Vibrieren - und dabei einen Raum für Assoziationen zu öffnen, der tiefer und abgründiger ist als ein Bienenstock.

Die "Wabenduette" sind nämlich nicht nur naturalistisch angelegt, sie sind zugleich eine zeitgenössische Vertonung des Sonetts "Honig" des Münchner Publizisten und Widerstandskämpfers Albrecht Haushofer. Er wurde 1945 von den Nazis ermordet. Sein Gedicht entstand während des Zweiten Weltkriegs und handelt vordergründig von den Erinnerungen, die beim Öffnen eines Honigglases freigesetzt werden. "Dann steigt ein Duft empor / Von tausend Blüten, ja von tausend Bäumen / Und Bienen summen wie aus bunten Träumen / Aus allen grauen Ecken rings hervor." Auf einer tieferen Ebene geht es um Krieg, Schmerz und Vertreibung. "Auf meiner langen Flucht und bittren Fahrt /Ein Glas mit Honig hab ich mir gespart /So viel an Heimat ist mir noch geblieben." Viel Stoff also, den sich die 22-Jährige vorgenommen hat.

Die Glocke der Basilika hat gerade ein Uhr geläutet, als sich das Musiker-Podest im Allianzsaal des Maierhofs in Windeseile füllt. Es ist der zweite Probentag, und eine ganz spezielle Premiere steht an. Zum allerersten Mal soll Fußeder ihre Komposition heute zu Ohren bekommen, gespielt und gesungen von Klarinette (Lisa Riepl), Flügel (Stefan Pitz), Violine (Franz Bruder), Violoncello (Georg Bruder), der Sopranistin Susanne Müller und der Mezzosopranistin Isabella Pany. Da Fußeder gerade noch im Ausland ist und erst am Donnerstag zum Meisterkurs kommen kann, wird sie via Videoanruf und Notebook zugeschaltet.

Zunächst gibt es ein paar Fragen zu Partitur und Instrumentierung zu klären. Georg Bruder etwa kämpft mit der Alufolie. Er hat sich ein Stück unter die Cello-Saiten geklemmt, aber es bleibt nicht da, wo es hin soll. "Ich hab die Folie jetzt mal unter der C-Saite eingefädelt, passt das so?", will er wissen. Markus Kreul ist mit dem Notebook zur Stelle und zoomt die Kamera auf den Steg. Bruder streicht das C. Das Cello brummt wie eine Hummel und sirrt zugleich wie eine Prachtlibelle. "Ja, das ist gut so", antwortet die Komponistin in Italien. Auch mit der Präparierung des Flügels ist sie zufrieden. Stefan Pitz hat ein kleines Gerät an die Saiten angeschlossen, das sonst bei Gitarren zum Einsatz kommt und den Ton beliebig verlängern kann. Zudem arbeitet auch er mit Alufolie, was erstaunliche Effekte erzeugt.

Kloster Benediktbeuern: Der Flügel wird nach Anweisung der Komponistin präpariert. Sie ist über das Notebook zugeschaltet.

Der Flügel wird nach Anweisung der Komponistin präpariert. Sie ist über das Notebook zugeschaltet.

(Foto: Manfred Neubauer)
Kloster Benediktbeuern: Georg Bruder entlockt seinem Cello mit Hilfe von Alufolie erstaunliche Töne.

Georg Bruder entlockt seinem Cello mit Hilfe von Alufolie erstaunliche Töne.

(Foto: Manfred Neubauer)
Kloster Benediktbeuern: Das Sextett bei der Arbeit: Georg Bruder, Stefan Pitz, Lisa Riepl, Susanne Müller, Isabella Pany und Franz Bruder (von links).

Das Sextett bei der Arbeit: Georg Bruder, Stefan Pitz, Lisa Riepl, Susanne Müller, Isabella Pany und Franz Bruder (von links).

(Foto: Manfred Neubauer)

Dann kann es losgehen. Markus Kreul nimmt neben dem Notebook auf einem Stuhl vor dem Podium Platz und ermuntert das Sextett, sich allmählich von der Strenge der Partitur zu lösen und in einen freieren Dialog zu treten. Sekunden der Konzentration. Dann setzt ein Rauschen und Flirren ein, keineswegs unangenehm, eher irritierend und ein bisschen schaurig, was gleich noch durch Klarinette und Gesang gesteigert wird. Hier geht es nicht um Klangschönheit, sondern um Geräusche und Atmosphären. Die beiden Sängerinnen oszillieren um Töne und Konsonanten und umkreisen einander wie rivalisierende Bienenköniginnen. Der Text des Gedichtes ist beim ersten Hören nicht wiederzuerkennen. Was man jedoch sofort merkt: Fußeder hat den Bienen gelauscht.

Hin und wieder unterbricht Kreul, feilt an den S-Lauten, den Tremoli. Der Bildschirm des Notebooks: ist schwarz. Also ein neuer Anruf in Italien. "Was ich gehört habe, hat mir sehr gut gefallen", sagt die Komponistin. "Genauso habe ich mir die Klangfarbe vorgestellt."

Sie sei ein sehr naturverbundener Mensch, sagt sie. Die Klimakatastrophe und das Artensterben ließen ihr keine Ruhe, ebenso wie die Ungerechtigkeit in der Welt. Deshalb vertone sie gerne Texte von Menschen, "die ich stark finde, deren Biografien mich beeindrucken". Kunst müsse keinen Zeigefinger erheben. "Aber in meine Kompositionen fließen unweigerlich Dinge ein, die mich beschäftigen." Wie sich die "Wabenduette" zum Ende hin entwickeln, werden die Gäste am Freitag erleben. "Ich möchte niemandem meine Gedanken vorschreiben", sagt Fußeder.

Warum aber heißt das Stück "Wabenduette", wenn doch ein Sextett musiziert? "Weil jeweils zwei Instrumente ein Pärchen bilden", erklärt sie. Klarinette und Sopran, Mezzosopran und Violine sowie Flügel und Cello gehörten zusammen, spielten teilweise kongruent und kommunizierten auf ganz eigene Weise. Grundsätzlich habe sie sich die sechseckige Wabe zur formalen Vorgabe gemacht. Das Sextett musiziert im Sechs-Achtel-Takt, auch die Gesamtzahl der Takte sei durch sechs teilbar. "Ich gebe mir gerne formale Regeln vor, an denen ich mich dann entlanghangle."

Für die Teilnehmenden des Meisterkurses, der heuer in die elfte Runde geht, ist die Uraufführung schon jetzt eine Bereicherung - weil sie etwas ganz Neues ist, ein Wagnis, jeden einzelnen fordernd, und zugleich eine Hommage an die Gemeinschaft, auf die sich Kreul und sein Meisterkurs offenbar bienengleich verstehen. Niemand muss, niemand darf sich bei diesem Stück in den Vordergrund spielen; die Herausforderung besteht darin, sich in den Dienst einer Idee zu stellen. Jede und jeder tragen zum Gelingen bei. Entweder es gibt Honig - oder es gibt keinen. "Drop your ego", sagt Markus Kreul.

Klarinettistin Lisa Riepl setzt sich gerade noch einmal ganz neu mit ihrem Instrument auseinander. "Ich muss Griffe für Mikrotöne herausfinden, das ist eine ganz andere Herangehensweise als bei einem klassischen oder romantischen Werk", sagt sie. Auch die beiden Sängerinnen sehen sich nicht als Konkurrentinnen. "Wir brauchen einander, wir umspielen einander", sagt Susanne Müller. "Wo ist die eine, wo ist die andere? Das finde ich grundsätzlich spannend in diesem Kurs, in dem auch so viele andere Instrumente sind: Wie siehst du musikalisch die Welt?" "Man lernt voneinander", sagt Isabella Pany.

Natürlich bieten sich den zwölf Teilnehmenden des Kurses bei drei öffentlichen Konzerten auch Gelegenheiten für individuelle Höhenflüge mit Mozart, Beethoven, Schubert oder Chopin. "Wir wollen Offenheit kultivieren und Vertrauenspartner für das Publikum sein", sagt Markus Kreul, Pianist und Hochschullehrer am Leopold-Mozart-Zentrum in Augsburg. Das Publikum in Benediktbeuern sei über die Jahre kontinuierlich gewachsen. Manche Gäste reisten mittlerweile für eine Woche an, um alle drei Konzerte zu hören.

Stefan Pitz nimmt wie Susanne Müller bereits zum elften Mal am Meisterkurs teil. Er liebt die Atmosphäre im Kloster, die gemeinsamen Mahlzeiten, das entspannte Zusammensein. "Musik verbindet Menschen", sagt er, "und hier ganz besonders." Gerade jetzt, wo viele sich fragten, wie es weitergehen solle, könne Musik ein Zeichen der Hoffnung senden.

Georg Bruder ist mit 53 Jahren mit Abstand der Älteste in der Runde. Er ist zum wiederholten Mal mit seinen beiden Söhnen Anton (14) und Franz (16) aus München angereist. Franz (Violine) ist Jungstudent bei Ingolf Turban. Anton (Klavier) schwankt noch zwischen den Berufswünschen Musiker oder Boxer. Nach dieser Woche, denkt sein Vater, werde ihm die Entscheidung womöglich leichter fallen. "Musik ist so eine Freude. So etwas Schönes. Sie verbindet Generationen, begründet Freundschaften, führt von den Bienen zu Haushofer. Musik ist universal."

Donnerstag, 25. August: "Kostbarkeiten aus Lied und Kammermusik" mit Werken von Franz Schubert, Clara Schumann, Richard Strauss u.a., Allianzsaal, Zentrum für Umwelt und Kultur, Meierhof; Freitag, 26. August: Uraufführung des Sonetts "Wabenduette" von Elisabeth Fußeder und Musik von Wolfgang Amadeus Mozart, Frederic Chopin, Sergej Rachmaninow u.a., Barocksaal, Kloster Benediktbeuern; Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr, Eintritt frei, Spenden sind willkommen.

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