Klare Linien mit Kompromissen Fensterbänder, die an Züge erinnern

Eine geschwungene Fassade prägt das einstige Ferienheim für Arbeiter und spätere Verdi-Bildungsstätte in Kochel.

(Foto: oh)

Der Bauhaus-Stil wird im Voralpenland mit Traditionellem vermählt. Ein Beispiel ist das Ferienheim für Arbeiter in Kochel

Von Kaija Voss, Kochel am See

Beim Spaziergang durch Kochel kommt man rasch vom Jugendstil zur klassischen Moderne. Auf dem Hügel unterhalb des Aspensteins steht die evangelische Jugendstilkirche. Und unten, direkt am Ufer des Kochelsees, ganz modern und in Weiß, das ehemalige "Ferienheim für Arbeiter, Beamte und Angestellte von Staat und Gemeinden", später Verdi-Bildungsstätte. Das Haus wurde 1930 vom Architekten Emil Freymuth in einer strengen und kühnen Formensprache entworfen.

Nach dem Ersten Weltkrieg ist es mit den farbenfrohen Verspieltheiten des Jugendstils vorbei. Die Industrialisierung des Bauens hält Einzug, selbst am Rande der Alpen. In der Stadt München müssen die Wohnungsnot gelindert, Hygiene im Kampf gegen Krankheiten wie Tuberkulose durchgesetzt werden. Ins Voralpenland nach Kochel fahren Arbeiter und Angestellte zur Sommerfrische. Das einst sehr moderne Erholungsheim öffnet seine Gästezimmer zum See hin, die geschwungene Fassade folgt der Topografie des Hangs. Ein Pultdach mit leichter Neigung, fast schon ein Flachdach, bildet den oberen Gebäudeabschluss. Die Ursprünge des Flachdachs sind in Europa unter anderem in begrünten Dachterrassen zu suchen. In den 1920er und 1930er Jahren wird es zum Streitobjekt zwischen Architekten der Heimatschutzarchitektur und Verfechtern der Moderne. Gerade am Alpenrand sind Flachdächer wegen der schneereichen Winter eher problematisch. Trotzdem wird hier ein wesentliches gestalterisches Merkmal der Moderne zumindest angedeutet.

Einer der wichtigsten Architekten der klassischen Moderne in Deutschland ist Walter Gropius. Das 1919 von ihm in Weimar gegründete Bauhaus war 1930 bereits nationalsozialistischen Anfeindungen ausgesetzt und musste von Dessau nach Berlin ziehen, um als Privatschule bis 1933 zu überleben. Gropius forderte in seiner Lehre, dass die Architektur der Moderne "bei null anfangen" müsse und keine Bezüge zur stilgeschichtlichen Entwicklung oder zur architektonischen Tradition habe. Was in der Theorie leicht zu fordern ist, zeigt sich anders in der Praxis. Es gibt Zwischentöne und die Individualität des Entwerfers, wie eben die von Emil Freymuth.

So ist die frühere Kochler Bildungsstätte, neben allen modernen Bezügen, eine Melange aus Tradition und Moderne. Alpenländische Elemente wie hölzerne Fensterläden werden geschickt eingesetzt: Sind sie geöffnet, verbinden sich Fenster und Läden zu horizontalen Streifen. Sie erinnern so an die lang gestreckten Fensterbänder der Moderne, die sich von den traditionellen Fassaden mit Einzelfenstern abheben wollen. Fensterbänder suggerieren Geschwindigkeit, sollen an fahrende Züge oder Schiffe erinnern. Nachts werden die Läden geschlossen, die Architektur erhält die traditionellen Fenster zurück. Der moderne Bau kommt zur Ruhe in ländlicher Umgebung. Heute schläft er einen Dornröschenschlaf, die Fenster sind dauerhaft geschlossen. Bauschäden werden sichtbar, und die strahlende Moderne wird matt. In den 1950er Jahren prägte Architekt Emil Freymuth die Siemenssiedlung an der Boschetsrieder Straße in München. Er entwarf dafür die so genannten Y-Häuser, die heute unter Denkmalschutz stehen.

Nur wenige Kilometer entfernt von Kochel, ausgerechnet im von Gabriel von Seidl geprägten Bad Tölz, steht ein weiterer Bau der Moderne, die Wandelhalle. Mit 110 Metern die längste Europas und einst moderne Kureinrichtung. Erbaut wurde sie 1929/30 vom Architekten Heinz Moll, dem Sohn des Bauunternehmers Leonhard Moll, im Auftrag der Jodquellen AG. An einen Pavillon mit kreisrundem Grundriss und Kegeldach, in dem das jodhaltige Heilwasser gezapft und abgefüllt wurde, schließt sich eine lang gestreckte Halle an. Hier konnte der Patient die heilsamen Schlucke wandelnd genießen. Ein funktionales Konzept, verpackt in moderne weiße Formen.

Noch einen weiteren Ausläufer der Bauhaus-Architektur gibt es: die sogenannte Bayerische Postbauschule. Zu deren Bauten gehört auch das 1934 errichtete, leider mittlerweile stark veränderte Postamt in Ebenhausen, von Franz Holzhammer und Hans Schnetzer. Hintergrund der Postbauschule war der Poststaatsvertrag von 1920, er sah den Übergang von der Bayerischen Staatspost in die Deutsche Reichspost in Berlin vor. Als Zeichen der Unabhängigkeit entstand in München aber trotzdem eine separate Abteilung des Reichspostministeriums, mit eigener Bauabteilung. Hier bot sich gestalterischer Freiraum für Architekten, die vom Neuen Bauen begeistert waren, wie vor allem Robert Vorhoelzer. Seine Post in Penzberg stammt schon von 1922/23 und ist noch der Tradition verpflichtet. Lohnenswerter in Sachen Moderne sind seine Münchner Postämter am Harras, am Goetheplatz oder in der Tegernseer Landstraße.