Kammermusik im Kurhaus:Ein musikalischer Hoffnungsschimmer

Lesezeit: 3 min

Kammermusik im Kurhaus: Neujahrskonzert im Kurhaus mit Elisabeth Heuberger und Bettina Schumacher (Violinen), Ines Köthnig (Viola), Emil Bekir (Violoncello), Max Fraas (Kontrabass), Simon Zehentbauer (Horn), Katharina Schwab (Fagott) und Harald Roßberger (Klarinette).

Neujahrskonzert im Kurhaus mit Elisabeth Heuberger und Bettina Schumacher (Violinen), Ines Köthnig (Viola), Emil Bekir (Violoncello), Max Fraas (Kontrabass), Simon Zehentbauer (Horn), Katharina Schwab (Fagott) und Harald Roßberger (Klarinette).

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Lehrkräfte der Tölzer Musikschule bieten ein Neujahrskonzert mit Schuberts Oktett in F-Dur: eine große Komposition, die einen ernstes Blick in die Vergangenheit und optimistischen Schwung für die Zukunft vereint

Von Paul Schäufele

Wer an Neujahrskonzerte denkt, hat vermutlich Bilder von Großen Musikvereinssälen im Kopf, schmachtende Wiener-Walzer-Klänge und Menschenmassen, die rhythmisches Klatschen zu Marschmusik üben. Die Kammermusik Franz Schuberts wäre bei den meisten Neujahrskonzerten ein Alien. Nicht im Bad Tölzer Kurhaus. "Tatsächlich haben wir auch überlegt, ob das Stück überhaupt passt", sagt Musikschulleiter Harald Roßberger. Doch die Reaktion des Publikums hat bestätigt, was sich das Ensemble schon gedacht hat: Schuberts Oktett in F-Dur ist große Musik, die sich gerade jetzt dazu eignet, das neue Jahr zu begrüßen, mit einem ernsten Blick auf das Vergangene und optimistischem Schwung für das Kommende.

Diese Vielschichtigkeit ist eine Herausforderung für alle Interpreten, die sich an das Stück wagen. Doch die acht Musikerinnen und Musiker, allesamt Lehrkräfte der Tölzer Sing- und Musikschule, probieren es - und werden zu Recht mit Bravorufen bedacht. Ihnen gelingt das Kunststück, die vielen Pole, zwischen denen sich die Schubertschen Kräftefelder aufspannen, zu verbinden. Schon im ersten Satz wird das deutlich. Es handelt sich gerade noch so um Kammermusik, doch den Zug ins Symphonische hat Schubert bewusst eingebracht, etwa in den langsamen Einleitungen des Kopfsatzes und des Finales, die die Tölzer Gruppe orchestral dicht präsentieren, bebend und mit der großen Perspektive, die ein einstündiges Werk nun einmal einfordert. Wenn sich dann endlich die Grundtonart F-Dur stabilisiert hat, wenn das Thema mit dem markant punktierten Rhythmus einsetzt, herrscht reine Spielfreude. Zu den Blicken, mit denen das doch ungewöhnliche große Ensemble koordiniert wird, kommt nicht selten kollegiales Lächeln.

"Schön, dass es jetzt klappt"

Vielleicht ist diese Spielfreude auch deshalb so ansteckend, weil dieses Neujahrskonzert so lange auf seine Erfüllung warten musste. Zwei Mal wurde es abgesagt, nun kann es vor ausgedünnten Reihen stattfinden, was der festlichen Stimmung keinen Abbruch tut. "Wir wollten schon so lange auf die Bühne, und dass es jetzt klappt, ist einfach schön", sagt Roßberger, der als Klarinettist mitwirkt.

Gemeinsam webt man am Klangteppich, der besonders im langsamen zweiten Satz auch melancholische Töne kennt. Hier mischt sich zu den heiteren Fahrwassern eine düstere Untergrundströmung. Das Tölzer Oktett lotet auch diese Aspekte aus, mit Sinn für dynamische Differenzierung und expressive Balance. Die Musikerinnen und Musiker kennen sich schon lange und sind schon in diversen Kontexten miteinander aufgetreten. Das hört man. Nicht nur, weil der Ensembleklang sich schön homogen zeigt, sondern auch an den wenigen Stellen, wo eines der Instrumente ins Schwimmen gerät. Denn Schuberts Komposition ist ein Schwellenstück. Im Prinzip als Hausmusik denkbar, fordert es von den Interpreten teils unbarmherzig virtuose Solistentechnik. An diesen Stellen agiert das Ensemble flexibel, drosselt momentweise das Tempo und baut so auch die wilden Tonkaskaden ins Gesamtbild ein.

So wird der dritte Satz, der später auch zur Zugabe taugt, ein wildes Jagdstück, mit rustikalem Temperament aufgespielt, strahlender Hornklang von Simon Zehentbauer inklusive. Der vierte Satz ist eine Variationenfolge über ein Thema, das Schubert von sich selbst geklaut hat, aus seinem Singspiel "Die Freunde von Salamanka". So harmlos der Titel, so harmlos ist auch das Thema, was sich über die folgenden Variationen nicht sagen lässt. Besonders der ersten Geige wird mit vertrackten Spielfiguren zugesetzt, was Elisabeth Heuberger nicht aus der Fassung bringt. Souverän und blitzsauber auch in höchster Lage formt sie die rasanten Wendungen. Das zweite Menuett des sechssätzigen Werks bietet noch eine kurze Atempause. Hier vermitteln die acht Musiker intim hausmusikalische Wärme, ehe das dramatische Finale noch einmal Funken schlägt. Ein letztes Mal animiert man sich zu romantischem Brio und jubelnder Verve, nur einmal unterbrochen von einer gekonnt inszenierten Moll-Katastrophe. Schließlich wendet sich auch das zum Guten und die helle, positive Note siegt. Was könnte sich besser eignen, um das neue Jahr zu beginnen?

Sag niemals nie

Und so bleibt als einzige Frage an Harald Roßberger, Spiritus Rector der Veranstaltung, nur diese: Wird das Neujahrskonzert im Kurhaus eine Tradition? "Das muss ich mit meiner Frau klären", lautet die Antwort. Denn natürlich fällt die entscheidende Probenarbeit in die Feiertage, die man sonst eher unter sich verbringt. "Aber man soll nie nie sagen." Hoffen wir's, denn mit solchen Konzerten zeigt sich das Kollegium der Tölzer Musikschule von seiner besten Seite. Und außerdem braucht ein Publikum gute Konzerte, das ganze Jahr, aber noch ein bisschen mehr um Neujahr. Nichts spendet mehr Hoffnung als lebendige, engagiert gespielte Musik.

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Harld Roßberger Sing- und Musikschule

Harald Roßberger, der Spiritus Rector des Konzerts.

(Foto: Manfred Neubauer)

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