Jubiläumskonzert:Schwindelerregend

Jubiläumskonzert: Furor zum Jubiläum (v.l.n.r.): Anna Tchania (Violine), Sandro Nebieridze (Klavier) und Sandro Sidamonidze (Cello) auf Schloss Weidenkam.

Furor zum Jubiläum (v.l.n.r.): Anna Tchania (Violine), Sandro Nebieridze (Klavier) und Sandro Sidamonidze (Cello) auf Schloss Weidenkam.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Seit 20 Jahren verfeinern junge Musiker ihr Spiel während der Meisterkurse auf Schloss Weidenkam. Beim Jubiläumskonzert begeisterten Anna Tchania, Sandro Sidamonidze und Sandro Nebieridze das Publikum

Von Paul Schäufele

In einem folgenreichen Brief an Carl Friedrich Zelter formuliert Goethe, wie sich die Gattung Streichquartett für ihn darstellt: "Man hört vier vernünftige Leute sich unterhalten." Folgenreich ist der Brief, weil keine Einführung in die Gattung ohne Verweis auf den vernünftigen Diskurs auskommt. Für das Klaviertrio fehlt eine ästhetische Faustregel. Aber vielleicht so: Man hört drei völlig verschiedene Leute diskutieren und am Ende sind sie genauso zerstritten wie am Anfang. Dass das Klaviertrio eine heterogene Gattung ist, in der es eher auf Konflikt und Kontrast ankommt als auf Harmonie und Ausgleich, wurde nicht immer deutlich beim Jubiläumskonzert der Meisterkurse auf Schloss Weidenkam. Es musizierten Anna Tchania (Violine), Sandro Sidamonidze (Cello) und Sandro Nebieridze (Klavier).

Beethovens Trio Opus 70 Nr. 1 hätteGelegenheit geboten, kompositorische Härten aufzuzeigen. Das georgische Trio bot dagegen eine abgeklärt fließende Interpretation des ersten Satzes und ebnete konfliktreiche Stellen wie die vollgriffigen Akkorde im Klavier oder die dynamischen Aufrauungen gegen Ende der Exposition ein. Diese Tendenz kam dem langsamen Satz zugute, dessen verhaltene Stimmung dem Trio seinen Beinamen gab: Geistertrio. Besonders der Anfang ließ aufhorchen. Nüchternes und klares Fragen in den Streichern, ernstes Antworten im Klavier - ein Moment, in dem die Zeit stillstand. Die Klavier-Tremoli, die den restlichen Satz als unheimliches Hintergrundflackern durchziehen, klangen dagegen ungleichmäßig und nicht immer sauber intoniert. Und auch hier ließ sich der Gestaltungswunsch des Ensembles wahrnehmen, die offensichtlich "schönen Stellen" nicht bewusst hervorzuheben. Wenn aber über die Dur-Aufhellung gegen Ende des Satzes so hinweggespielt wird, hat das nichts mit musikalischer Redlichkeit zu tun, sondern hier liegt ein strukturelles Missverständnis vor. Das Presto-Finale als der heitere Nachhall des umfangreichen Mittelsatzes wurde technisch souverän präsentiert, aber auch hier wurde gesungen, wo ein deutliches Parlando angemessen gewesen wäre.

Zu Schostakowitschs C-Dur-Trio Opus 8, einem genialen Frühwerk - nicht dem einzigen des Abends - fanden die Musiker von der ersten Note an den geeigneten Zugang. Dem traumhaften Anfang im fernen Ges-Dur stehen gehämmerte Akkorde entgegen. Hier erlaubte sich das Trio erstmals, etwas Krach zu machen, bevor dann mit schwindelerregender Musikalität die Cello-Kantilene über der getröpfelten Klavierbegleitung einsetzte ohne impressionistische Verzärtelung.

Wohltuend kühl setzte nach der Pause das erste Trio élégiaque von Rachmaninoff ein. Nebieridze brillierte mit glasklarem Anschlag und gemäßigtem Rubato, während Tchanias sonorer Klang zur Geltung kam. Doch auch hier fehlte ein wenig das Gespür fürs Große, Ganze. Das Werk des 19-Jährigen ist von erstaunlicher Geschlossenheit; schon mit Schostakowitsch bewies das Trio aber, dass es den Werken fragmentarischer Anlage eher gewachsen ist.

Nicht nur daran wird es gelegen haben, dass das Schlussstück des Abends auf geradezu ideale Weise zum Klingen gebracht wurde. Nach den Jugendwerken Schostakowitschs und Rachmaninoffs erklang nun das 2016 von Nebieridze selbst komponierte Trio "The Elements" mit der Satzabfolge Feuer, Wasser, Erde, Luft. Hier zeigte das Trio nicht nur seine außergewöhnliche Musikalität, sondern auch, dass es sich um ein Werk handelt, mit dem die Musiker in dieser Besetzung bereits gut vertraut waren. Der erste Satz bot nuancenreiches Spiel mit Melodiefragmenten vor spärlicher Begleitung und wurde so zur Schule des Hinhörens. Mit wunderbar schimmernden Strukturen im zweiten und unheimlichen Harmonien im dritten Satz wurde das fortgesetzt, bevor das Finale eine überwirkliche Verfolgungsjagd bot - eine Cello-Saite hielt dem nicht stand.

Begeistert von so viel Furor dankte das Publikum mit lange anhaltendem Applaus. Dank für ein gelungenes Konzert, Dank für eine gefällige Tango-Zugabe und Dank für 20 Jahre Meisterkurse auf Schloss Weidenkam.

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