Jahresauftakt in Nantesbuch:Verführerischer Pax de deux

Stiftung Nantesbuch Tanzperformance

"Faun und Nymphe", der Tanz von Ljuba Avvakumova und Tillmann Becker durchs ganze Haus, lockt die Zuschauer am Wiedereröffnungstag dreimal an.

(Foto: Manfred Neubauer)

Kinder spielen Expedition, Erwachsene erfreuen sich an Architektur und Kulinarik - alles ökologisch wertvoll

Von Sabine Näher, Bad Heilbrunn

Mühsam kämpft sich die Expedition durch unwegsames Gelände. Plötzlich erheben sich drei gespensterartige Wesen aus den Wiesen und blockieren den Weg. "O weh, das sind die Moor-Sirenen", ruft Expeditionsleiter Hansen seiner erschrockenen Truppe zu. "Wie lautet die Parole?", fragt eine der merkwürdigen Gestalten mit Donnerstimme. Wildes Geflüster! Der zweite Expeditionsleiter Nansen wagt einen schüchternen Versuch: "Äh, Parole Emil?" "NEIN!", donnert es zurück. Endlich sind die magischen Worte gefunden: "Aus der Bahn, Kartoffelschmarrn!" Widerwillig murrend geben die Moor-Sirenen den Weg frei. Die unerschrockene Truppe kann passieren.

Mit dieser Expedition gestalteten am Samstag Kindern den Auftakt zum Jahresprogramm auf Gut Nantesbuch mit. Das nächste Abenteuer wartete schon auf sie. Was hängt da drüben am Baum? "Eine tote Maus?", tönte es leise aus der Gruppe. Aber nein, das Tier ist ja viel größer. "Das ist doch Fransens Frettchen", erkannte Hansen im Näherkommen. "Unseren Kollegen Fransen haben wir nämlich letztes Jahr hier auf der gefahrvollen Expedition verloren. Sollte er tatsächlich noch hier in der Nähe sein?" Lautes Rufen: "Fransen!!!" Aus den Tiefen des Urwalds erklang ein Trommelsignal, dem die Truppe unverzüglich folgte.

An dieser Stelle überlassen wir die mutigen Expeditionisten ihrem ungewissen Schicksal und können nur hoffen, dass die Herren Hansen und Nansen wissen, was sie tun. Hinter diesen verbargen sich Angelika Krautzberger und Judith Huber, zwei Schauspielerinnen aus München. Sie arbeiten häufiger mit der Stiftung Nantesbuch zusammen und waren sofort begeistert, die "Expedition zum Nukkuvva Kala" leiten zu dürfen. "Das ist Finnisch und bedeutet schlafender Fisch", erklärte Huber. "Der wohnt hier irgendwo im Wald und wir müssen ihn finden." Dreimal brachen sie am Samstag auf ins Ungewisse und bestritten damit das Kinderprogramm.

Erst im Juni vorigen Jahres hat die Stiftung Nantesbuch den Betrieb aufgenommen. Sie konnte von Anfang an einen riesigen Zuspruch verzeichnen. So auch an diesem Samstag: Der große Parkplatz neben dem Langen Haus war wegen Überfüllung geschlossen; die Besucher wurden zu einem nahegelegenen Gutshof weitergeleitet. Ein Shuttle-Bus fuhr regelmäßig hin und her.

Nicht alle Gäste nahmen dieses Angebot an; etliche nutzten die Gelegenheit, ein wenig durch die wunderschöne Landschaft, hoch auf den Hügeln zwischen Bad Heilbrunn und Penzberg, zu promenieren.

Die Stiftung Nantesbuch hat sich der Vermittlung von Wissenschaft, Kunst und Natur verschrieben. Ein eigentlich nahe liegender Dreiklang, der gleichwohl nirgends in dieser anspruchsvollen Form gepflegt wird. Wie groß die Resonanz auf dieses reizvolle Angebot ist, lässt sich an den Nummernschildern der parkenden Autos ablesen: Sie kommen aus der ganzen Region, aus München, aber auch aus weit entfernten Gegenden des Landes. An diesem Tag steht das ganze Gebäude, entstanden aus zwei benachbarten Höfen, zur Besichtigung offen. Wer es zum ersten Mal betritt, kommt aus dem Staunen nicht heraus: Alleine die Architektur lohnt den Besuch. "Wir haben die Straße verlegt, damit hier eine große Hofstelle entstehen kann", erläutert Sebastian Streck, Projektleiter des beauftragten Architekturbüros. "Vorgabe war, möglichst Produkte aus der Region zu verwenden, also insbesondere mit dem Holz aus den gutseigenen Wäldern zu arbeiten."

Das ist grandios gelungen, und zwar in einer modernen, sachlich-schlicht anmutenden Formensprache. Möglichst naturbelassen und unbehandelt sollten die Materialien sein; so finden sich kaum Dämmstoffe und die Wände sind mit Kalkputz geschlämmt, so dass die Strukturen noch erkennbar sind. Die Böden bestehen aus purem Zementestrich. Die sich mit der Zeit unabdingbar einstellenden Gebrauchsspuren sind quasi eingeplant. "Das Gebäude soll in Würde altern", erklärt Streck. Teilnehmer der sogenannten Erkundungen - hier wird ein Thema an einem Wochenende unter Führung eines Wissenschaftlers und eines Künstlers beleuchtet - können im Haus in einigen sehr ansprechenden Gästezimmer übernachten. Da der Samstag der Erkundungen erfahrungsgemäß in einer langen Kaminnacht endet, ist es durchaus eine Überlegung wert, gleich hier oben zu bleiben.

Neu im Angebot 2018 ist der "Feierabend": Ein- bis zweimal im Monat, dienstags oder donnerstags, wenn die Kultur der Region eher wenig zu bieten hat, locken Vorträge, Filme oder Musikveranstaltungen. Schon bewährt sind dagegen die "Kindersamstage". Die ebenso fantasie- wie liebevolle Ausrichtung des Kinderprogramms am Samstag lässt hier tolle Erlebnisse vermuten.

Auch im kulinarischen Angebot auf Nantesbuch schlägt sich der Anspruch, Kunst und Natur zu vereinbaren, nieder: Es gibt immer ökologisch Hochwertiges, Gesundes, bestens zubereitet. An diesem Samstag kann man sich eine große Schüssel mit diversen Gemüsen, Kartoffeln und Körnern zusammenstellen. Die Kinder lockt allerdings eher das Stockbrot, das sie draußen an den vielen Feuerstellen selbst grillen dürfen.

Als Zuschauermagnet erweist sich die dreimal angebotene Tanzperformance "Faun und Nymphe": Tänzer Tillmann Becker scheint erst ein Besucher zu sein, mit seinem Parka und den derben Stiefeln. Doch dann beginnt er Tanzbewegungen auf dem kahlen Boden auszuführen. Erst nach einer Weile entdeckt man seine Partnerin: Ljuba Avvakumova tanzt im ersten Stock hinter der Glasscheibe. Magisch angezogen strebt er die Treppe hinauf, gefolgt von den Zuschauermassen. Oben im Giebelsaal ist eine Tanzfläche abgesteckt; das Publikum gruppiert sich ringsum. Nun beginnt ein faszinierender Pas de deux, die exemplarische Darstellung von Anziehung, Verführung, Verweigerung, Hingabe, Trennung. Großer Beifall! Ein rundum gelungener Tag.

© SZ vom 22.01.2018
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