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In Dietramszell:Neue Wohnmodelle für das Land

Dietramszell Neugestaltung Ortsmitte

Ein Kloster und 60 Ortsteile: Wie in vielen ländlichen Gemeinden muss auch in Dietramszell die steigende Nachfrage nach Wohnraum mit dem Erhalt der dörflichen Struktur in Einklang gebracht werden.

(Foto: Manfred Neubauer)

Dietramszell nimmt als einzige Kommune im Landkreis am Leader-Projekt "Baukulturregion Alpenvorland" teil. Bis Ende 2022 sollen Ausstellungen, Vorträge und Workshops zu einem Leitfaden für Raumgestaltung führen

Von Petra Schneider, Dietramszell

Die Dörfer und Ortschaften im Speckgürtel von München wachsen. Neue Siedlungen entstehen, die Grundstückspreise steigen, Ortskerne veröden, weil Nahversorger auf der grünen Wiese gebaut werden, der Verkehr nimmt zu. Kommunen haben die Planungshoheit und damit auch die Verantwortung, öffentliche Räume so zu gestalten, dass sie die Lebensqualität für die Allgemeinheit erhöhen. Was oft fehlt, ist ein übergeordneter Leitfaden. Wie soll sich eine Gemeinde entwickeln, und was will man nicht? Diese Lücke soll das Leader-Projekt "Baukulturregion Alpenvorland" unter Schirmherrschaft von Landtagspräsidentin Ilse Aigner schließen. In den drei Landkreisen Bad Tölz- Wolfratshausen, Miesbach und Rosenheim haben sich acht Gemeinden angeschlossen, darunter Dietramszell als einzige Kommune aus dem Kreis. Der Begriff "Baukultur" ist breit gefasst und enthält Themen wie die Gestaltung des öffentlichen Raums, Mobilitätskonzepte, Leerstandsmanagement, neue Wohnformen oder Ortskernstärkung. Und zwar für jede Pilotgemeinde mit ihren je individuellen Voraussetzungen und Problemen. Durch den interkommunalen Austausch soll dann die gesamte Region profitieren.

In der Flächengemeinde Dietramszell mit ihren 60 Ortsteilen ist das Thema gut angesiedelt: Seit Jahren ringt die Gemeinde mit der Neugestaltung des Dorfkerns, die Ortsgestaltungssatzung wurde in diversen Anläufen überarbeitet, und wie in vielen ländlichen Gemeinden muss auch in Dietramszell die steigende Nachfrage nach Wohnraum mit dem Erhalt der dörflichen Struktur in Einklang gebracht werden. Eine Hilfestellung soll nun das vom Freistaat und der EU geförderte Projekt geben.

Es läuft bis Ende 2022 und wird von der "Arge Baukultur konkret" mit Sitz in Pfarrkirchen betreut, einem interdisziplinären Team aus Planern, Projektmanagern, Kommunalpolitikern, Touristikern und Hochschuldozenten. Ziel ist es, in den Gemeinden eine Sensibilisierung und öffentliche Diskussion anzustoßen. Angedacht sind Ortsspaziergänge, Ausstellungen, Vortragsreihen, Workshops oder Bürgerversammlungen. Jeder sei willkommen, sich in den kommenden zwei Jahren einzubringen, hieß es bei der ersten "Baukulturwerkstatt", die am Dienstag coronabedingt als Onlineveranstaltung mit rund 70 Teilnehmern stattfand.

In Dietramszell sei als "ein Schmerzpunkt" der Umgang mit landwirtschaftlichen Leerständen ausgemacht worden, erklärte Elisabeth Leitner vom Verein LandLuft, die als Projektleiterin des Arge-Teams für die Gemeinde zuständig ist. Im März soll es deshalb einen Vortrag geben. Gemeinderat Ludwig Gröbmaier (CSU), der mit Bürgermeister Josef Hauser (FW) an der virtuellen Konferenz teilgenommen hat, findet das Projekt "sehr gut". Denn es gebe neue Impulse; so sei etwa vermittelt worden, dass das klassische Einfamilienhaus wegen des großen Flächenverbrauchs "eigentlich kein zeitgemäßes Modell mehr ist."

Dass vor allem im Ortsteil Ascholding Landwirte Ställe und Tennen oft zu Wohnungen umbauten, sei für den angespannten Wohnungsmarkt eine Chance und aus wirtschaftlichen Gründen nachvollziehbar, sagt Gröbmaier. Dennoch müssten auch die Auswirkungen berücksichtigt werden. Dass es Alternativen gibt, über die man auch in Dietramszell nachdenken könnte, sei auf einer Projekt-Veranstaltung in Stephanskirchen gezeigt worden: In einer leer stehende Mühle habe man Räume für "unkonventionelle Gewerbeeinheiten" geschaffen, so zum Beispiel einen genossenschaftlich organisierter Schlachthof samt kleinem Wirtshaus.

© SZ vom 30.10.2020
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