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In der Waldkirche:Geschützt, aber voller Ängste

Anfangs betreute Pfarrer Stefan Huber (Mitte) zwei Flüchtlinge in der Lenggrieser Waldkirche.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Ein junger Jeside im Lenggrieser Kirchenasyl

Seit einem halben Jahr lebt Fouad in der ehemaligen Hausmeisterwohnung der Waldkirche Lenggries, die er möglichst nicht verlassen soll. Denn der junge Kurde lebt im Kirchenasyl, das die evangelische Gemeinde dem 22-Jährigen gewährt. Nach geltendem Asylrecht müsste Fouad zurück nach Bulgarien - in das EU-Land, in dem er zuerst registriert wurde. Zurück in die schrecklichen Zustände eines bulgarischen Flüchtlingslagers, das Stephan Reichel "Gefängnis" nennt. Der Beauftragte für Kirchenasyl der Evangelischen Landeskirche berichtet von unvorstellbaren Zuständen, von Folter und Nahrungsentzug, von Flüchtlingen, die misshandelt und dann ohne ärztliche Versorgung sich selbst überlassen würden. Diese Erfahrungen hätten Fouad, der der Religionsgemeinschaft der Jesiden angehört, schwer traumatisiert. Schwerer noch als die Erlebnisse seiner Flucht aus einem nordirakischen Dorf vor der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). "Er ist völlig verängstigt", sagt Reichel.

Ein Gutachten bescheinigt, dass Fouad eine Abschiebung nach Bulgarien nicht verkraften würde und sein psychischer Zustand so schlecht ist, dass ein noch längerer Aufenthalt in der Kirche nicht vertretbar sei. Reichel hat es beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) eingereicht und einen Härtefallantrag gestellt. Er ist zuversichtlich, dass Fouad die Waldkirche in einigen Wochen verlassen kann. Mitte Februar entscheidet die Kommission über Fouad. Bei einem positiven Ausgang werde ein Asylverfahren eröffnet - mit guten Aussichten. Denn Jesiden, die vom IS verfolgt werden, hätten eine Anerkennungsquote von 95 Prozent.

Fouads Landsmann und Leidensgenosse Kaid, mit dem er sich seit Mitte Juli die Wohnung in der Waldkirche geteilt hatte, wurde bereits Ende September nach München verlegt. Dort geht er auf eine Schule und wartet auf den Ausgang seines Asylverfahrens. Für Fouad ist seitdem die Einsamkeit noch größer geworden. Er kann nicht verstehen, warum er nicht zu seiner Frau darf, die mit ihrer Familie seit gut sechs Jahren in München lebt und eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin macht. Es ist eine arrangierte Ehe, aber eine, "bei der es Liebe wurde", wie Reichel sagt. Jedes Wochenende besucht sie ihn, die Bahnkarte zahlt die Kirchengemeinde.

Weil er in der ihm zuvor zugeteilten Unterkunft in Warngau oftmals nicht anzutreffen gewesen sei, habe Fouad bei den Behörden den Status "untergetaucht", erklärt Pfarrer Stefan Huber. Bei Flüchtlingen, "die sich nicht an die Regeln halten", verlängere sich die Frist, innerhalb derer sie zurückgeschickt werden können, von sechs auf 18 Monate. Fouad müsste demnach noch bis September im Kirchenasyl ausharren. Viel zu lang, sagt Huber. Denn bereits im Dezember hätten sich massive psychische Probleme gezeigt: "Fouad hat sich selbst verletzt, einmal sogar mit Selbstverbrennung gedroht." Zweimal ist der Pastor mit seinem Schützling zum Psychiater nach München gefahren. Ein Risiko, weil Fouad keine Papiere hat. Kirchenasyl wird geduldet, sagt Huber. "Aber es ist kein geschütztes Recht."

Der Pfarrer hat das BAMF informiert, als er den Flüchtlingen Asyl in seiner Kirche gewährt hat. Probleme seitens der Behörde habe es nicht gegeben. "Ich bin kein Jurist und kein Psychiater, aber man kommt in so eine Verantwortung hinein", sagt Huber. Er sieht sich als "Herbergsvater": Er und die Mitglieder seiner Gemeinde, die ihn "hervorragend" unterstützten, kümmern sich darum, dass Fouad "ein vorübergehendes Zuhause" und Essen hat, dass er Deutsch lernt und abgelenkt wird. Und dass jemand für ihn da ist, wenn die Angst kommt. Finanziert wird alles aus dem Haushalt der Kirchengemeinde, der laut Huber "auf Kante genäht ist."

Wenn alles gut geht, könnte Fouad die Waldkirche in ein paar Wochen verlassen und zu seiner Frau nach München ziehen. Dann wäre die 40 Quadratmeter große Wohnung wieder frei. Pfarrer Huber hat bereits drei Anfragen von afghanischen Flüchtlingen wegen Kirchenasyl bekommen. "Aber im Moment brauchen wir eine Atempause", sagt er.