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Im Tölzer Marionettentheater:Von Lotterei und Luderei

Klaus Wittmann Karl Orff Lesung

Klaus Wittmann liest bei der Pocci-Gesellschaft.

(Foto: Manfred Neubauer)

Klaus Wittmann bringt Carl Orffs eigenwillige Gauklerkomödie "Astutuli" auf die Bühne - und beschimpft die Zuschauer als gschlamperte Hadern

Von Susanne Hauck, Bad Tölz

Es ist ein Kraftakt. "A-stu-tuli, A-stu-tuli, A-stu-tuli!", skandiert Klaus Wittmann immer wieder. Die Worte herauszustoßen ist sichtlich anstrengend, feine Schweißperlen netzen seine Stirn. Der Tölzer Sprecher sitzt vor dem roten Samtvorhang des Tölzer Marionettentheaters, unter den Zuhörern an diesem Sonntagabend sind viele Weggenossen, befreundete Künstler und Schauspieler. Sie sind gekommen, um die Gauklerkomödie "Astutuli" von Carl Orff zu erleben.

Ein Werk, das viel zu selten aufgeführt werde, meint Wittmann, obwohl es doch angesichts des Trumpschen Welttheaters eine "beißende Satire auf die Dummheit ist, die nichts von ihrer Aktualität verloren hat". Er kämpft dagegen, dass dieses "bairische Kulturgut" in Vergessenheit gerät, seit er vor vielen Jahren am Ammersee die Orff-Tochter Godola kennengelernt hat, "eine besondere Frau". Die übermächtigen "Carmina Burana" haben die kleinen bairischsprachigen Stücke Orffs verdrängt, zu denen auch "Die Bernauerin" gehört.

Vom Schott-Verlag, dem Rechteinhaber aller Orff-Werke, hat sich Wittmann die Erlaubnis geholt, die 1953 uraufgeführte Komödie "Astutuli" als Lesung auf die Bühne zu bringen. Der 1895 in München geborene Carl Orff tat sich mit den Bayern nicht leicht, oder sie sich nicht mit ihm: "München hat sich nicht gerade wegen seiner Werke überschlagen", erzählt Wittmann eingangs. Weswegen die meisten in Stuttgart uraufgeführt wurden.

"Hie räuchts nach Gäuklwerk, nach Lotterei und Luderei, Beschiss, Spitzbuberei" - schon eingangs wird klar, hier wird jemand angeschmiert. Und zwar die Astutuli, das sind in der Übersetzung aus dem Lateinischen die Schlaumeier, die Oberg'scheiten. Der Inhalt ist eine Variation von "Des Kaisers neue Kleider". Eines Tages kommt ein Gagler (Gaukler) ins Dorf und erzählt den Burgern (Bürgern) das Blaue vom Himmel herunter. Weil keiner der Dumme sein will, sehen sie bereitwillig Dinge, die gar nicht da sind: die Erscheinung des gruselig-erotischen Riesen Onufri ("Hat Haar umadum, hat Rauch unterm Bauch, hat koa Hemad o") die Streiche des Kasperl Goggolori, das Schlaraffenland, in dem keiner mehr arbeiten muss. Endlich bringt sie der Gagler dazu, ihre Kleider abzulegen und ihm ihr Geld auszuhändigen. Als die genarrten Dörfler merken, dass sie einem Scharlatan aufgesessen sind, beginnen sie, wüst das Publikum zu beschimpfen, weil es sie vorher ausgelacht hat. "Scheißer! Bscheißer! Dalkete Dockn! Gschlamperte Hadern! Haderlump! Scheißkerle ihr! Rauber! Na komma auf euch! Na schlagn ma euch allsamt, dass Hörn und Sehn euch vergeht."

Schon im Original wird Orffs Stück nur sparsam musikalisch untermalt, der Rhythmus der Sprache ist Melodie genug. Wittmann verzichtet ganz auf instrumentelle Begleitung. Es ist eine große Kunst, nur mit dem Klang der eigenen Stimme die Facetten herauszuarbeiten: verschiedene Stimmlagen der Personen, Derbes und Wuchtiges, Lyrisches und Poetisches. Und dann schafft Orff auch noch in einer bajuwarischen Kunstsprache ein Dickicht an Wortverdrehungen, Klangreimen und Zungenbrechern, das es dem Zuhörer manchmal schwermacht, zu folgen, und in dem sich weniger versierte Sprecher leicht verheddern könnten. Wittmann meistert in dieser 50-minütigen One-Man-Show bis auf winzige Versprecher alle Satzungetüme, selbst wenn es noch so "niggelt und naggelt, haxelt und kraxelt, wirbelt und wurbelt, schwirbelt und schwurbelt". Bei der Uraufführung 1953 in den Münchner Kammerspielen verstand das Publikum keinen Spaß und verließ beleidigt den Saal. Damit ihm das in Bad Tölz nicht passiert, hat Wittmann zur Besänftigung eingangs Sekt servieren lassen.

Astutuli-Lesung mit Klaus Wittmann: Donnerstag, 2. August, 20 Uhr, Bergkramerhof, Wolfratshausen

© SZ vom 11.07.2018
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