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Im Erinnerungsort Badehaus:Dinge von tief unten

Ein Rest von Hoffnung: Die Hinterlassenschaften eines Menschen, der im Mittelmeer ertrank.

(Foto: Mattia Balsamini/oh)

Was ertrunkene Flüchtlinge hinterlassen haben

Eine Zahnbürste mit abgeschrubbten Borsten, eine fast leergequetschte Tube Zahnpasta mit dem blassen Schriftzug "Signal" - das ist alles, was von einem Menschen geblieben ist, der am 18. April 2015 im Mittelmeer ertrank. War es eine junge Mutter? Ein verzweifelter Mann? Ein Halbwüchsiger mit strahlendem Lächeln? Oder eine Frau, die auch unter widrigsten Bedingungen ein Mindestmaß an Hygiene und damit Würde bewahren wollte? Die vierte Sonderausstellung des Erinnerungsortes Badehaus in Waldram präsentiert Bilder des italienischen Fotografen Mattia Balsamini, die nüchtern ins Licht gesetzt sind - und tief einschlagen. Sie zeigen Gegenstände von Flüchtlingen, die im Mittelmeer ertrunken sind. "Von ganz unten - die letzten Dinge" lautet der Titel.

Die Ausstellung basiert auf einer Fotoreportage, die vor einem halben Jahr im Magazin der Süddeutschen Zeitung erschienen ist. "Ich habe den Beitrag gelesen und war wie elektrisiert", sagt Sybille Krafft, Vorsitzende des Vereins Bürger fürs Badehaus. "Genau so lassen sich Geschichten von Flucht und Vertreibung in unserer Zeit darstellen." Zusammen mit Justine Bittner, Jonathan Coenen und Elisabeth Voigt setzte sie sich das Ziel, die Reportage ins Badehaus zu holen und dort als Ausstellung zu präsentieren. Am kommenden Sonntag, 1. Dezember, ist es so weit. Zur Vernissage wird auch der Fotograf Balsamini erwartet. Außerdem ein Asylbewerber, der von seiner Überfahrt übers Mittelmeer berichtet.

Balsamini wurde 1987 in Pordenone geboren und lehrt derzeit als Dozent an der Architekturhochschule von Venedig. Die Bilder der Ausstellung fotografierte er im Auftrag der Mailänder Forensik. Auf die Anfrage aus Waldram habe er sehr aufgeschlossen reagiert, sagt Krafft. "Er hat sich gefreut, dass wir die Initiative ergriffen haben." Auch die Autorinnen des Magazin-Beitrags, Margherita Bettoni und Lara Fritzsche, gaben dem Projekt ihre Zustimmung. Nach der Premiere in Waldram soll die Ausstellung auf Wanderschaft gehen und in Schulen, Rathäusern oder Kirchen in ganz Deutschland gezeigt werden.

"Die Geschichte von Flucht und Vertreibung endet nicht mit den Heimatvertriebenen", sagt Krafft. Deren Schicksal, manifestiert in Fluchtgepäck, stand im Blickpunkt der jüngsten Sonderausstellung im Badehaus. Die "letzten Dinge" knüpfen daran an - erschütternd aktuell und radikal. Versprengte Gepäckstücke, die aus jedem Zusammenhang gerissen wurden. Erinnerungen an gesichtslose Tote.

9000 Euro hat der Verein für die Ausstellung veranschlagt. Trotz Sponsoren - zu ihnen gehören die evangelische Kirchengemeinde Sankt Michael in Wolfratshausen, der Franz-Geiger-Verein, die Giordano-Bruno-Stiftung und die katholische Pfarrei Sankt Andreas - sind die Kosten laut Krafft bei weitem nicht gedeckt. Zur Vernissage müsse daher Eintritt verlangt werden. Der Helferkreis Asyl Wolfratshausen unterstützt die Ehrenamtlichen mit einem internationalen Buffet.

Vernissage am Sonntag 1. Dezember, 17 Uhr, Badehaus, Kolpingplatz 1, Waldram, Eintritt 8/4 Euro

© SZ vom 30.11.2019

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