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Ickinger Theatersommer:Ein Nackedei zieht an

Ingmar Thilo (links) und Manuela Clarin spielten das Andersen-Märchen "Des Kaisers neue Kleider" mit ihren handgefertigten Puppen.

(Foto: Thekla Kraußeneck)

"Des Kaisers neue Kleider" als Puppenspiel begeistert Kinder.

Für jede Stunde hat der Kaiser einen eigenen Frack. Er zieht ihn sich über seinen großen Bauch und bewundert sich vor dem Spiegel eines Schranks: Theater, Feste und Spaziergänge, mehr interessiert den Kaiser nicht, denn nur bei solchen Anlässen trifft er die Leute, denen er seine tollen Kleider zeigen kann. Eines Tages ziehen zwei Betrüger in die vergnügliche, von vielen Besuchern frequentierte Stadt, und verkaufen dem Kaiser einen ganz besonderen Stoff. Den sollen nämlich nur jene Menschen sehen können, die nicht dumm und ihres Amtes würdig sind.

Hans Christian Andersens "Des Kaisers neue Kleider" kam am Sonntagmorgen auf die Bühne des Ickinger Theatersommers - der Kaiser eine dickbäuchige Marionette mit weißen Locken, die betrügerischen Weber zwei passionierte Theaterkünstler namens Manuela Clarin und Ingmar Thilo. Die "Gesellschaft unterm Apfelbaum" war zum Teil so jung, dass sie im Sitzen den Boden nicht mit den Füßen berühren konnte. Nur wenige Plätze blieben frei - ein voller Erfolg für das junge Pogramm des Theatersommers. Thilo und die Holzbildhauerin Clarin leiten das Münchner Galerie Theater und treten mit ihren handgefertigten Puppen regelmäßig im Theater Heppel & Ettlich auf.

Eine dieser Puppen ist der rothaarige Kobold Pumuckl. Kein Zufall: Manuela Clarin ist die Tochter des inzwischen verstorbenen Pumuckl-Sprechers Hans Clarin, dessen Stimme bei den Aufführungen vom Band kommt. Weil im kommenden Jahr ein Pumuckl-Musical Premiere feiert, dürfen Clarin und Thilo den Kobold 2018 jedoch nicht selbst auf die Bühne holen - zumindest nicht in München. Deshalb könnte es sein, dass Clarin und Thilo Pumuckl im kommenden Jahr der Gesellschaft unterm Apfelbaum vorstellen. Problematisch sei bislang nur die große Kulisse, sagt die Initiatorin Barbara Reimold, nach einer Lösung werde noch gesucht.

Für den eitlen Kaiser reicht am Sonntag indes ein kleiner Aufbau: schwarzer, bemalter Stoff mit einer abstehenden Schranktür, dazu einige Karten und ein Würfelbecher, mit dem die Betrüger spielen, während der Kaiser denkt, dass sie seinen Stoff weben. Die Kinder verfolgten gebannt, wie der Kaiser seine Minister zu den Gaunern schickt, die sich allesamt nicht trauen, die Wahrheit zu sagen, aus Angst, dann als dumm oder für ihr Amt ungeeignet dazustehen. Als am Ende der Kaiser ("Tauge ich nicht dazu, Kaiser zu sein? Das wäre ja das Schlimmste!") splitterfasernackt zu einer Prozession aufbricht, ertönt Gekicher unter den jungen Zuschauern. Der aufregendste Teil kam im Anschluss an die Vorstellung: Da durften die Kinder auf die Bühne klettern, helfen, den Kaiser wieder anzukleiden und die Utensilien untersuchen - eine lange Pappschere, eine Schatulle mit Goldmünzen, den Stapel Karten und die Würfel, die Holzpuppen und ihre Kleider und so vieles mehr.

Clarin und Thilo kehren am kommenden Sonntag um 11 Uhr noch einmal zurück unter den Apfelbaum, mit "Pit Pikus und die Möwe Leila", einem Märchen von Friedrich Wolf. Dieses handelt von einem Specht und einer Möwe, die trotz aller Verbote Freundschaft schließen. Mit ihrer Zuneigung zueinander überwinden sie alle Vorurteile.

© SZ vom 01.08.2017
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