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Kabarettist Josef Brustmann:"Die Leute wollen sehen, wer du bist"

Der Kabarettist Josef Brustmann wird in Nürnberg ausgezeichnet.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Tausende Schrittchen haben Josef Brustmann zu einem erfolgreichen Künstler gemacht. Jetzt bekommt er den Sonderpreis des Deutschen Kabarett-Preises.

interview Von Thekla Krausseneck, Icking

Der Kabarettist Josef Brustmann blickt seinem Publikum beim Spielen gern ins Gesicht. Möglich wird das durch einen kleinen Trick: Das Licht im Saal lässt der 61-Jährige gerade so hell drehen, dass sich das Publikum noch geborgen fühlen, er es aber trotzdem sehen kann. Brustmanns Devise lautet: Sei du selbst. Für sein Werk erhält das Ickinger Multitalent am Sonntag in der Nürnberger Tafelhalle den Sonderpreis des Deutschen Kabarett-Preises.

SZ: Sie machen das Publikum so hell, dass Sie die Gesichter noch sehen können?

Josef Brustmann: So sehe ich am Mienenspiel, ob das Publikum gerade ernst wird, sich freut oder traurig wird. Es kommt zu einem Kurzschluss, bei dem etwas Gemeinsames entsteht, eine Einheit.

Und wenn das Publikum mal ganz anders reagiert als erwartet?

Es kann vorkommen, dass mal eine lustige Passage nicht funktioniert. Die ruhigen und ernsten Geschichten gelingen mir aber immer auf Anhieb. Nur bei Pointen kann man sich schwer verrechnen.

Bauen Sie deshalb bewusst mehr ernste Passagen als lustige in ihr Programm ein?

Ja. Das ist vielleicht eine Altersgeschichte, aber ich mag die ruhigen, ernsten, existenziellen Sachen einfach. Da nehmen die Leute was mit nach Hause, das berührt sie. Geschichten, die an der Seele rühren, sind sehr nachhaltig.

Am Sonntag werden Sie für Ihr Werk geehrt. Haben Sie Lampenfieber?

Ja, schon. Ich habe in der Tafelalle schon öfters gespielt, das ist ein sehr schöner Konzertraum, in den gut 700 bis 800 Leute reinpassen. Die Medien sind dann auch da und natürlich meine Kinder, Kollegen und politische Prominenz wie der Oberbürgermeister oder Claudia Roth - da bin ich schon ein bisschen aufgeregt. Wobei die Aufregung nicht schlecht ist, denn so ein kleiner Adrenalinstoß macht mich wach.

Mögen Sie als Kabarettist lieber das kleine oder das große Publikum?

Ich mache beides gern. Ein kleines Publikum ist intimer und berührt mehr, aber vor großem Publikum ist es leichter zu spielen. Es hat eine Eigendynamik, reagiert wesentlich schneller und heftiger. Bei einem kleinen Publikum muss man mehr arbeiten, man ist aber auch näher dran.

Warum reagiert ein größeres Publikum heftiger als ein kleines?

Im kleinen Publikum hat jeder Angst, laut zu lachen, weil sich alle gleich nach ihm umdrehen. Im größeren Publikum fühlt man sich geborgen. Es geht aber auch anders: Letztes Jahr habe ich in Seefeld einen Gedichteabend gemacht. Wir waren vier Dichter und fünf Zuhörer. Da haben wir uns einfach an die Bar gestellt und gelesen. Jeder von uns hatte im Grunde einen Zuhörer - aber es war ein großartiger Abend.

Was glauben Sie als Kabarettist der leisen Töne: Warum konsumieren die meisten Menschen lieber laute Comedy?

Der ganze Comedy-Bereich ist durch die privaten Sender gefeatured worden. Inzwischen machen es die anderen auch, weil es ein breites Publikum dafür gibt. Kabarett hatte immer ein eher kleineres, intellektuelleres und elitäreres Publikum. Heute ist das anders, da gehen alle ins Kabarett. Unpolitisch unterhalten zu werden ist jedermanns Recht - ich persönlich kann mit Mario Barth nichts anfangen, auch wenn er die Olympiahalle füllt. Ich würde da nicht hingehen und auch nicht er sein wollen.

Könnte das Privatfernsehen das Kabarett mit etwas gutem Willen nicht genauso populär machen wie die Comedy?

Ich mag dieses anspruchsvollere Kabarett sehr gerne. Es wird immer seltener, ist schwerer rezipierbar und dadurch nicht so leicht an die große Masse zu verkaufen. Das Lustige geht halt leichter und schneller. Deshalb freue ich mich auch über den Preis: In der Ruhmeshalle stehen dann Georg Schramm und Josef Hader, und wenn ich mich da ein bisschen einreihen darf, ist das natürlich schon schön.

In der Begründung heißt es, Sie seien eine Ausnahmeerscheinung. Wie wird man ein Josef Brustmann?

Die Leute glauben das immer nicht, aber ich bin ein bisschen schüchtern. Ich musste früher immer mit meinen Geschwistern vorsingen, wenn Besuch kam. Da stand ich am Herd, der eine Chromstange hatte, an der ich mich mit den Händen hinterm Rücken festklammerte. Es ist mir eine kleine Schüchternheit geblieben, aber gekoppelt mit der Lust, mich zu zeigen. Ich habe mit meinen Geschwistern immer viel Musik gemacht. So gewöhnt man sich an das Scheinwerferlicht. Aber ich habe auch im Kirchenchor gesungen und Musik studiert und als Musiklehrer gearbeitet. Das sind Tausende kleiner Schrittchen.

Was raten Sie jungen Kabarettisten?

Der wichtigste Tipp ist: Man muss immer das machen, was man selbst ist. Das klingt leicht, aber die Versuchung ist da, nachzumachen, was man bei anderen sieht. Im Kabarett geht's aber darum, dass die Leute sehen wollen, wer du bist. Man weiß eigentlich nicht, wer man ist, und muss sich langsam zu sich selbst vorarbeiten.

Was haben Sie mit den 2000 Euro Preisgeld vor?

Ich möchte mit meiner Frau nach Marokko reisen. Sie ist ja auch meine Agentin: Der Preis geht auch an sie, denn 50 Prozent meines Erfolgs hat sie zu verantworten.

© SZ vom 07.01.2016
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