bedeckt München

Icking/Berg:Echte Türen, echte Menschen

Das Thema "Wahn und Wirklichkeit" der Ateliertage in Berg und Icking liest sich wie ein Kommentar zur Corona-Pandemie, doch es entstand bereits vor einem Jahr. Nun wollen die Teilnehmer dazu beitragen, dass die Kunst lebendig bleibt

Von Katja Sebald, Icking/Berg

Für die einen ist es der Rückzug ins Private, für die anderen bedeutet es Vereinsamung. Manch einer freut sich über die Reduktion auf das Wesentliche und ein anderer sieht die Bedrohung der eigenen Existenz. Und wieder eine andere teilt die Welt in ein "Vorher" und ein "Nachher". Natürlich geht es immer um Corona. Vor allem, wenn es um Kunst geht. "Wahn und Wirklichkeit" heißt das Thema der 34. Ateliertage in Berg und Icking - und man könnte meinen, dass die Künstlerinnen und Künstler, die an den kommenden beiden Wochenenden ihre Ateliertüren für Besucher öffnen, mit dieser Themenwahl ihre aktuelle Situation im Blick hatten. Aber weit gefehlt: Sie einigten sich bereits vor einem Jahr darauf.

Petra Jakob in ihrem Privathaus; Ateliertage Berg/Icking

Petra Jakob öffnet ihr Privathaus im Ickinger Ortsteil Irschenhausen für die Ateliertage.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

"Dass sich dies als prophetische Entscheidung erweisen sollte, hat keiner von uns geahnt", schreibt die Malerin Juschi Bannaski in ihrer Einladung. Und Petra Jakob ergänzt: "Wir hoffen, mit unserer Veranstaltung einen Beitrag zu leisten, dass Kunst lebendig und nicht nur noch künstlich auf dem Bildschirm erlebbar bleibt." Es werden sich also echte Türen öffnen und echte Menschen begegnen, um Kunst am Ort ihres Entstehens zu erleben - wenn auch mit Abstand, Mundschutz, Desinfektion und viel frischer Luft.

"Nächtliche Schatten" heißt eine Multimedia-Installation, die Roman Wörndl zum allgegenwärtigen Thema zeigt: Zu einer Videoaufnahme seines eigenen Kopfes und der leise gepfiffenen Melodie von "Die Gedanken sind frei" ertönen aus rund um den Kopf kreisenden kleinen Lautsprechern vielstimmig Lebensweisheiten, Plattitüden, Redewendungen, gute Ratschläge und Fragen von "Alles wird gut" über "Wer nicht hören will, muss fühlen" bis zu "Werden den Problemen Antworten folgen?". Diese höchst eindringliche Arbeit entstand in diesem Frühjahr, als das Leben wegen der Corona-Pandemie stillstand.

Alle Teilnehmer

Die Ateliertage am Ostufer des Starnberger Sees fanden 1987 zum ersten Mal statt - zunächst als Experiment, von Anfang an aber mit großem Zuspruch. Von den 14 Gründungsmitgliedern sind immer noch sechs dabei, weitere kamen im Lauf der Jahre hinzu. Diesmal öffnen in Irschenhausen Petra Jakob am Schäftlarner Weg 19 und Gabriel Baumüller Am Schatzlfeld 3 ihre Ateliers. Dort stellt auch Isabelle Roth im Atelier von Sophia Hößle aus. Ebenfalls in Irschenhausen am Neufahrner Weg 10 befindet sich das Atelier von Sabine Kirchhoff, die in diesem Jahr als Gastausstellerin teilnimmt. In Aufkirchen sind die Ateliertüren von Juschi Bannaski und Roman Wörndl in der Martinsholzer Straße 16 geöffnet, Lucie Plaschka und ihr Gast Renate Rahm stellen am Klosterweg 27 aus. Das Studio von Andreas Huber befindet sich in Aufhausen an der Oberlandstraße 26, gleich gegenüber öffnen Elisabeth und Fritz Güllich als Gäste der Ateliertage ihr "Kunstkammerl" an der Oberlandstraße 23. Ernst Grünwald ist der einzige Teilnehmer in Ammerland, sein Atelier befindet sich am Riedweg 4. Als Gäste sind Christiana Biron und Elisabeth Biron von Curland dabei, die in Dorfen am Straßfeld ihre Türen öffnen. Ulrich Panick und Nausikaa Hacker stellen gemeinsam in Wolfratshausen am Obermarkt 20, Birgit Berends-Wöhrl und Teresa Erhart im Humplgassl 1. Alle Ateliers sind am 3., 4., 10. und 11. Oktober jeweils von 12 bis 19 Uhr geöffnet. Einen Überblicksplan mit allen Adressen und weiteren Informationen gibt es unter www.atelier-tage.de.

Für Juschi Bannaski bedeutete der Stillstand ebenfalls eine Zeit der Kreativität: Sie zeigt eine Vielzahl neuer Bilder, die meisten in Hinterglastechnik. Man könnte ihre tiefgründig leuchtenden Farbwelten als sehnsuchtsvolle Erinnerungen ebenso wie als Fluchtorte aus der Gegenwart oder als Zukunftsvisionen interpretieren. "Geht doch" heißt etwa eine dieser aktuellen Arbeiten, in der Menschen über weite Abstände hinweg miteinander kommunizieren: Ihr filigran gezeichnetes Miteinander wirkt respektvoll-freundlich, keineswegs verzweifelt, die helle und weite Leere des Bildraums erscheint als friedliche und luftige Welt der Zukunft, nicht als Ort von Ödnis und Einsamkeit.

Ateliertage Nr. 34  Icking / Berg 2020

Bildhauer Gabriel Baumüller hat in Irschenhausen Malerin Isabelle Roth aufgenommen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Auch der Fotograf Andreas Huber hat auf seine Weise eine neue Ordnung für die Welt der Dinge geschaffen: Er zeigt eine Reihe von eindrucksvoll reduzierten Arbeiten, auf denen nichts als ein Glas Wasser oder ein Körbchen mit Brot auf einem mit einer weißen Leinendecke bedeckten Tisch zu sehen ist. Ein scheinbar aus dem Bildraum kommendes Licht wie in den Gemälden von Vermeer, vor allem aber die - freilich mit den Mitteln der Fotografie - geradezu "altmeisterlich" behandelte Textur des Tischtuchs macht den großen Reiz dieser Aufnahmen aus. Der Ausdruck auf Leinwand betont ihre gleichsam "malerische" Qualität noch zusätzlich.

Im Atelier von Lucie Plaschka treffen zwei sehr gegensätzliche Positionen aufeinander: Die Künstlerin selbst zeigt Arbeiten, die sich mit der Vereinzelung des Menschen und dem "Verstummen" der Welt beschäftigen, etwa einen lebensgroßen "Vironauten", der die Welt erobert, und eine Stadtansicht mit verschlossenen Häusern. Es gibt dort weder Fenster noch Türen, keine Kunst und vor allem keine Musik. Die Malerin Renate Rahm, die als Gast bei ihr ausstellt, zeigt dazu eine Art Gegenentwurf: Auf ihren großzügigen und farbstimmigen Papierarbeiten sind ausschließlich Blumen zu sehen, als einzelne Blüten, als Ausschnitt aus einem Gartenbeet oder als schön arrangierter Strauß.

Das "unbegreifliche Virus" bestimmt auch das Arbeiten von Petra Jakob: Es "bedroht die Gesundheit, dämpft die Lebensfreude aller Generationen, vernichtet Existenzen, ruiniert die Wirtschaft(en) und nimmt uns alle in Geiselhaft", sagt sie. In ihrem Atelierstübchen unter dem Dach zeigt sie deshalb "Wirklichkeit" und "Wahn" als Gegensätze: Ersteres ist die freundliche Welt vor Corona, bestehend aus einer Vielzahl von kleinen Aquarellen, in der sich Menschen in alltäglichen Szenen begegnen. Letzteres ist eine Reihe von Montagen und Zeichnungen, mit denen die Künstlerin das aktuelle Geschehen kommentiert.

Die beiden Atelierhäuschen im Garten von Gabriel Baumüller aber erscheinen wie Inseln in dieser Welt der Wirrnisse: In dem einen gibt der Bildhauer einen Einblick in seine aktuelle Arbeit an einem Brunnenprojekt, im anderen hat er eine wundersam feine Gedächtnisausstellung für seine im vergangenen Jahr verstorbene Frau Sophia Hößle eingerichtet. Die Malerin Isabelle Roth zeigt dazu eine kleine Auswahl ihrer Arbeiten, darunter ein sehr poetisches Bild mit dem Titel "Fliegen".

© SZ vom 02.10.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite