Helmut Schleich "Dinge, die ich sagen will"

"Für mich bleibt etwas große Kunst, auch wenn der Künstler moralisch ein mieser Typ war": Helmut Schleich.

(Foto: Manfred Neubauer)

Mit seinem aktuellen Programm "Kauf, du Sau" möchte Helmut Schleich vor allem eins: Provozieren. Am Samstag tritt er beim Geretsrieder Kulturherbst auf

Interview von Petra Schneider

Wenn der Hals im Hemdkragen verschwindet, die Schultern nach oben wandern und zucken - dann hat Franz Josef Strauß wieder Besitz ergriffen von Helmut Schleich. Es ist seine Paraderolle, aber längst nicht die einzige: Helmut von Horchen mit der sehr feuchten Aussprache, der näselnde Joseph Ratzinger - Schleich hat einen grandiosen Figurenkosmos erschaffen, der ihm alle wichtigen Kabarettpreise eingebracht hat. Der 51-jährige gebürtige Schongauer hat eine Radiokolumne, macht "SchleichFernsehen", seit zwanzig Jahren steht er als Solokünstler auf der Bühne. Sein siebtes Programm spielt er am Samstag, 6. Oktober, beim Geretsrieder Kulturherbst. Schon der Titel ist eine Provokation: "Kauf, du Sau".

SZ: Herr Schleich, was sollen wir Ihnen denn abkaufen?

Helmut Schleich: Mir soll man gar nix abkaufen. Es geht ums Kaufen und Verkauftwerden, um Konsumterror und was uns alles so reingedrückt wird. So sehr, dass man sich nicht mehr mit den relevanten Fragen auseinandersetzt, sondern sich denkt: "Ah, da kauf ich mir lieber was Schönes."

Im neuen Programm verzichten Sie weitgehend auf Parodien. Macht man sich nicht sehr angreifbar, wenn man Überspitzungen und provokante Äußerungen nicht mehr einer Figur zuschreiben kann?

Figuren bieten einen gewissen Schutz, das ist schon richtig. Aber mir macht es momentan so sehr viel Spaß, weil es Dinge gibt, die ich sagen will, ohne dass sie von einer komödiantischen Figur überdeckt werden. Das heißt aber nicht, dass es bei mir jetzt gar keine Figuren mehr geben wird.

Es gibt kritische Stimmen, die Ihnen populistische Äußerungen im Programm vorwerfen: Der Gutmensch als "aggressionsgehemmtes Arschloch", die "Heiligen Evangelien" namentlich genannter Medienvertreter als Form manipulativer Meinungsmache.

Das ist natürlich jetzt alles sehr verkürzt, weil sich das im Programm langsam aufbaut und zuspitzt. Ein Gutmensch ist etwas anderes als ein guter Mensch. Ich wende mich gegen die Doppelmoral von Menschen, die aus persönlicher Eitelkeit heraus handeln. Für mich ist "Gutmensch" ein negativer Begriff, übrigens auch im Duden. Und was ich in Bezug auf politische Kommentatoren sage, ist eine satirische Parodie: Kommentare als Form des Bibelersatzes. Das ist weder rechts, noch mit Lügenpresse assoziiert.

Haben Sie keine Sorge, dass das missverstanden werden könnte und Applaus aus der falschen Ecke kommt?

Ich habe keine Angst vor Applaus. Ich stelle mich bestimmten Fragen. Kabarett sollte provozieren, quer denken. "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen" - das ist es, was ich vermitteln will.

Also Kant gegen Meinungsdiktat?

Im Moment herrscht im Bereich der Kunst eine Form der moralischen Zensur, die vor 20 Jahren unvorstellbar gewesen wäre. Wenn die Empörungswelle rollt, dann werden Gedichte an Häuserwänden übermalt.

Sie spielen auf das Gedicht von Eugen Gomringer an, das von der Fassade der Berliner Hochschule getilgt wurde. Aber ist im gesellschaftspolitischen Diskurs im Moment nicht eher das Gegenteil der Fall: Parolen und Schlagworte, die bislang nicht durchgegangen wären, werden salonfähig?

Im politischen Bereich, bei der AfD, da mag es sein, dass sich die Gürtellinie verschoben hat. Aber in der Kunst sehe ich den entgegengesetzten Kurs. Für mich bleibt etwas große Kunst, auch wenn der Künstler moralisch ein mieser Typ war. Unter Me-Too-Gesichtspunkten müsste man womöglich auch Picasso abhängen. Das klingt jetzt alles sehr ernst. Dabei bin ich kein Prediger, sondern Unterhaltungskünstler. Im Programm kommen viele Themen vor: Verkehr und Mobilität, Europa, Heimat und natürlich die bayerische Landespolitik.

Franz-Josef Strauß ist die einzige Figur, die im neuen Programm auftreten darf.

Der Strauß als Kunstfigur hat seine Stärken, und angesichts der derzeitigen CSU-Situation ist er eine scharfe Waffe. Das bietet sich natürlich an.

Ist Söder, der bekennende Strauß-Verehrer, ein parodietauglicher Nachfolger?

Der Strauß würde mit Horaz antworten: "Kraft ohne Weisheit fällt durch die eigene Wucht."

Günter Wagner holt Sie für den Kulturherbst nach Geretsried.

Ja, ich war schon mal beim Flussfestival in Wolfratshausen, eine tolle Veranstaltung. Ich habe sehr schnell zugesagt, als der Günter mich wieder gefragt hat. Dass jemand im Oktober den Mut hat, noch ein Zelt aufzustellen, ist doch eine wunderbare Sache. Das trauen sich sonst nur Wiesnwirte.

Der Geretsrieder Kulturherbst startet am Donnerstag, 4. Oktober, Infos und Karten unter kulturherbst-geretsried.de