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Geschichte und Gegenwart:Spannende Erinnerungsarbeit

Flüchtlinge und Heimatvertriebenen bei ihrer Ankunft in Geretsried. Ein Foto aus der Dauerausstellung im Badehaus.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der Verein Bürger fürs Badehaus plant Film- und Gesprächsabende, Ausstellungen und das erste Nachbarschaftsfest

Blutrot leuchten die "Mahnblumen" des Künstlers Walter Kuhn am Waldramer Kolpingplatz. Sie erinnern nicht nur an die Gräueltaten des NS-Regimes, sondern sind auch ein ermutigendes Zeichen dafür, dass die Arbeit am Erinnerungsort Badehaus weitergeht - auch wenn dieses pandemiebedingt zuletzt oft geschlossen bleiben musste. Für das neue Jahr haben Sybille Krafft, Vorsitzende des Vereins Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald, und ihr engagiertes Team wieder ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt. Im Mittelpunkt steht das Biografie-Projekt "Lebensbilder", in das 16 Ehrenamtliche unzählige Stunden Arbeit gesteckt haben. Neben Filmabenden und einem Sommerfest ist unter anderem auch ein Konzert des Jewish Chamber Orchestra in der ehemaligen Synagoge von Föhrenwald geplant.

Die Geschichte der Vertriebenen in Bayern und die Rolle, die der Wolfratshauser Stadtteil Waldram dabei spielte, beleuchtet Andreas Otto Weber, Direktor des Hauses des Deutschen Ostens, am Sonntag, 28. Februar. Der Titel seines Vortrags lautet "Von der Baracke zum eigenen Heim". In der Waldramer Siedlung, die ein Lager für Zwangsarbeiter und Displaced Persons ablöste, fanden nach 1956 kinderreiche katholische Heimatvertriebene ein neues Zuhause, unter ihnen auch die neunköpfige Familie Brustmann. Sie lässt seither in vielen musikalischen Formationen aufhorchen, so auch an diesem Abend, wenn die Waldramer Tanzlmusi aufspielt.

Am Vorabend des Internationalen Frauentags stehen im Badehaus Mädchen und Frauen im Mittelpunkt, die als Displaced Persons im Lager Föhrenwald lebten. Autorinnen des Buchprojekts "Lebensbilder" geben einen Einblick in ihre Biografien, zudem berichten Zeitzeuginnen vom Lagerleben. Die Münchner Harfenistin Susanne Weinhöppel singt jiddische Lieder zum Lachen und Weinen aus Osteuropa und Amerika. Der Abend am Sonntag, 7. März, ist eine Kooperationsveranstaltung mit dem Kulturverein Isar-Loisach, nach Möglichkeit soll es "auch etwas zum Anfassen, zum Schmecken und zum Riechen" geben, heißt es im Programm.

An den Todesmarsch der Dachauer KZ-Häftlinge erinnern der Eurasburger Regisseur Max Kronawitter und Zeitzeugen am Sonntag, 25. April. "Als das Grauen vor die Haustür kam" ist der Abend überschrieben. Mehr als 10 000 erschöpfte Häftlinge wurden in den letzten Kriegstagen von SS-Männern Richtung Alpen getrieben. Die Hauptroute führte durch das Würmtal über Wolfratshausen nach Bad Tölz und Waakirchen. Viele Überlebende wurden im Lager Föhrenwald versorgt. Kronawitter präsentiert eine halbstündige Kurzfassung seines neuen Dokumentarfilms und berichtet von seinen Recherchen und Dreharbeiten. Der Gautinger Altbürgermeister Ekkehart Knobloch erzählt von seiner Initiative, entlang der Wegstrecke Todesmarsch-Mahnmale zu errichten.

Ein Filmgespräch steht auch am Sonntag, 30. Mai, auf dem Programm. Sybille Krafft, Historikerin und BR-Journalistin, zeigt in ihrer Dokumentation "Ankommen in Bayern", wie Heimatvertriebene aus dem Sudetenland, Schlesien und Siebenbürgen, aus Pommern, Böhmen oder Mähren bald einen wirtschaftlichen Aufschwung in Gang setzten. Nach dem Film erzählen Zeitzeugen von ihren Anfangsjahren in Geretsried und Waldram. Mit einer "Sommerfrische am Kolpingplatz" feiert der Verein am Sonntag, 20. Juni, das erste Nachbarschaftsfest. Als 500. Mitglied wurde vor kurzem der Tölzer Stadtpfarrer Peter Demmelmair aufgenommen. "Dieses schnelle Wachstum hat bei Vereinsgründung 2012 wohl niemand für möglich gehalten", erklärt Krafft. "Inzwischen ist aus unserer regionalen Bürgerinitiative ein Projekt mit überregionaler Ausstrahlung geworden."

Das Jewish Chamber Orchestra Munich startet in diesem Sommer eine "Synagogentournee" und macht dabei auch in Waldram Station (Sonntag, 25. Juli). In der ehemaligen Synagoge von Föhrenwald, der heutigen Aula der Schulen St. Matthias, erklingt das Melodram "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke". Es ist das letzte Werk des österreichisch-ungarischen Komponisten Viktor Ullmann, das er im Konzentrationslager Theresienstadt vor seiner Ermordung 1944 fertigstellen konnte.

Nach einem Benefizabend zu Gunsten der Flüchtlingshilfe, mit dem sich der Waldramer "Bufdi" André Mitschke am Sonntag, 26. September, von seiner Wirkungsstätte verabschiedet, steht im Badehaus die Finissage der "Lebensbilder" an. Die Porträtausstellung der Geretsrieder Fotografin Justine Bittner entstand begleitend zum gleichnamigen Buch und wurde im Oktober bei der Gedenkveranstaltung zu 75 Jahre DP-Lager Föhrenwald eröffnet. Zum Abschluss stehen "Männerbilder" im Fokus. Der Verein hofft, dass diesmal viele Zeitzeugen aus dem In- und Ausland anreisen können.

Das Jahr klingt aus mit einem Gesprächskonzert des Isura Madrigal Chors (Sonntag, 14. November) und der Ausstellung "Die Macht der Gefühle. Deutschland 19/19" (Vernissage am Sonntag, 5. Dezember). Da der Platz aus Hygienegründen begrenzt sein wird, empfiehlt sich eine frühzeitige Reservierung.

Ausführliche Infos unter https://erinnerungsort-badehaus.de/

© SZ vom 28.01.2021 / stsw
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