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Geretsried:Und nochmal alle auf die Bühne!

Sebastian Klug hat alte verwackelte Videoaufnahmen und neue Interviews zu einem 80-minütigen Dokumentarfilm verarbeitet. "Im Hinterhalt" heißt seine "Hommage an ein Heimatgefühl"

Interview von Stephanie Schwaderer

Sebastian Klug war gerade einmal 20, als er im Jahr 2000 den Vorsitz im Hinterhalt-Verein übernahm. Bis zu dessen Auflösung drei Jahre später bekam er von Künstlern, Mitstreitern und Stammgästen unzählige Male den Stinkefinger gezeigt - was daran lag, dass er in der Geltinger Kultur-Kneipe häufig mit seiner Video-Kamera unterwegs war. Aus den alten Aufnahmen und neuen Interviews hat er zum 25-jährigen Jubiläum der Bühne einen 80-minütigen Film geschnitten. Er heißt "Im Hinterhalt. Erinnerung an ein Heimatgefühl".

SZ: Es gibt dieses Foto vom 14. April 2002. Wissen Sie noch, wie es zustande gekommen ist?

Sebastian Klug: Ja, das war der letzte Abend mit Hias Röttig als Wirt. Die Stimmung war melancholisch bis katastrophal, weil jeder wusste, dass etwas zu Ende ging. Irgendwann hat dann der Gerd Schielein gesagt: Jetzt mal alle auf die Bühne! Und dann hat er dieses Foto gemacht. Ich mag es, weil man sieht: Da vermischt sich etwas. All diese verschiedenen Typen, die verschiedenen Generationen: Das war der Hinterhalt. In der letzten Reihe stehen meine Eltern, dann sind da die Jungs von der Narrenschaukel, Bedienungen, Stammgäste, die Wolfratshauser Stadträtinnen Carola Lössl und Christine Noisser . . .

Zum Abschied von Hias Röttig (vorne, siebter von rechts) posieren vor knapp 15 Jahren Stammgäste, Künstler, Stadträte und Mitarbeiter für ein Foto.

(Foto: Gerd Schielein/oh)

. . . . vorne rechts Pfarrer Florian Gruber.

Ja, er war immer einer der spätesten Gäste, kam nachts, wenn er mit dem Predigtschreiben fertig war.

Welche Gefühle löst dieses Bild bei Ihnen aus?

Das Foto ist mir sehr vertraut, weil ich es während meines Studiums über dem Schreibtisch hängen hatte. Auch dem Hinterhalt fühle ich mich noch immer sehr verbunden. In mancherlei Hinsicht ist er dem alten Hinterhalt ja noch recht ähnlich: Assunta Tammelleo, die neue Betreiberin, ist sehr politisch, macht ein tolles Programm, ist für alles offen. Der große Unterschied ist, dass der Hinterhalt damals vornehmlich eine Kneipe war. An fünf Abenden in der Woche wusste man, dass man dort jemanden treffen würde. Da ging man nicht mit der Clique hin, sondern hat einfach vorbeigeschaut. Das war ein Wohnzimmer, ein Kommunikationsraum. Da wurden Bands gegründet.

Warum funktioniert das heute nicht mehr?

Eine schwierige Frage. Ich kann mich gut an Donnerstagabende erinnern, da bekam man keinen Sitzplatz mehr. Da saßen wir auf dem Boden. Irgendwann ist das abgeebbt. Dass der Hias aufgehört hat, lag ja auch daran, dass die Kneipe nicht mehr so gut lief. Ich habe damals die zwölfte Klasse zweimal gemacht und kann mich gut erinnern: Mein alter Jahrgang ist in den Hinterhalt gegangen, der neue in den Turm.

Sebastian Klug lebt seit kurzem mit Frau und Kind wieder in seiner Heimatstadt Wolfratshausen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Wann sind Sie auf den Gedanken gekommen, einen Film zu machen?

Die Kamera habe ich mir selbst zum Abitur geschenkt. Das Geld, 3500 D-Mark, hatte ich mir bei Pana in Geretsried verdient - Assunta Tammelleo war lustigerweise damals meine Chefin. Dann habe ich einfach drauf los gefilmt, mit zunächst fragwürdigem Erfolg, und bin den Leuten schwer auf die Nerven gegangen. Das hat mich aber nicht abgeschreckt, eher motiviert, und nach ein paar Monaten hieß es dann schon: Lass doch mal was sehen.

Aber dann mussten sich die Leute doch noch 15 Jahre gedulden.

Ja. Eigentlich wollte ich schon zum 20. Jubiläum einen Film machen, aber das habe ich zeitlich nicht hinbekommen. Es sind wahnsinnig viele Schnipsel! In der Anfangszeit habe ich immer viel zu kurze Sequenzen aufgenommen und das meiste verwackelt. Das macht es mühsam. Vor drei Jahren habe ich begonnen, mich nachts hinzusetzen und zu schneiden. Vor einem dreiviertel Jahr war mir dann klar: Wenn der Film mehr Relevanz als ein Urlaubsvideo haben soll, muss ich das Ganze in einen richtigen Kontext setzen. Deshalb habe ich angefangen, Leute von damals zu interviewen: den Hias natürlich, Claus Steigenberger und die Schieleins, Mitarbeiter und Künstler wie den Josef Hader oder die Bananafishbones. Peter Schneider von den Stimulators hat mir bei dieser Gelegenheit gleich einen Soundtrack aufgenommen.

Sie haben unzählige Stunden Arbeit in einen Film gesteckt, der voraussichtlich zweimal im Hinterhalt zu sehen sein wird. Warum?

Vielleicht, weil das damals die befriedigendste Tätigkeit in meinem Leben war. Die Leute, mit denen und für die wir das alles gemacht haben - es war schön mit ihnen, sehr, sehr erfüllend.

"Im Hinterhalt" - Dokumentarfilm zu 25 Jahren Hinterhalt, Freitag, 16. Dezember, und Donnerstag, 29. Dezember, 20.30 Uhr, Leitenstraße 40, Geretsried, Reservierung empfohlen, Eintritt frei, Spenden erwünscht

© SZ vom 15.12.2016
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