Gefeierter Abend in der Loisachhalle:Herr Kreisler und die Großmaul-Diva

Lesezeit: 3 min

Kreisler Abend

Diva mit Federboa: Mit seiner Puppe "Lady Bug" faucht Nicolas Habjan das Publikum an, singt Wiener Schmäh und verfällt in Weltschmerz.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der Puppenspieler Nikolaus Habjan überzeugt in Wolfratshausen mit der "Musicbanda Franui" - und neuen Protagonisten.

Von Susanne Hauck, Wolfratshausen

Der Puppenspieler und Regisseur Nikolaus Habjan und die Musicbanda Franui waren schon ein paarmal in der Wolfratshauser Loisachhalle zu Gast. Auch bei ihrem neuesten Programm "Alles nicht wahr" enttäuschen sie ihr Publikum am Donnerstagabend nicht. Die Österreicher ziehen alle Register ihres Könnens, und die Zuschauer kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, was denn nun das Schönste ist: das begnadete Puppenspiel, die feinsinnige Musik, oder doch die Kostprobe des Kunstpfeifens.

"Lachen Sie doch nicht immer so", zischt "Lady Bug" die Besucher nieder. Sichtlich genervt findet die alternde Chansonette, dass sie angesichts des mühsamen Publikums doch besser daheim in Wien geblieben wäre. Die garstige Madame ist die neueste Protagonistin Nikolaus Habjans, des 34-jährigen gebürtigen Grazers, der wie kein zweiter die Puppen tanzen lässt. Die Klappmaulfigur mit den großen traurigen Augen ist in eine goldene Robe mit roter Federboa gehüllt, mit einer marilynblonden Lockenperücke und dicker Schminke aufgedonnert. Dazu gibt es auch eine Rahmenhandlung: Vor 17 Jahren hat sich die Sängerin mit dem Künstlernamen "Lady Bug" (Marienkäfer) für ihren Abschiedsabend im Gasthaus "Raiffeisen" mit der Musicbanda Franui zusammengetan. Seitdem hört die Abschiedstournee nicht mehr auf.

Man muss Klappmaulpuppen einmal erlebt haben. Sie sind große Kunst. Ihre fast menschenhafte Körpergröße, der riesige sich auftuende Mund und das grotesk-schöne Antlitz entfalten eine einmalige Wirkung. Lady Bug ist ein echtes Bühnentier, dessen Posen so gut sitzen wie früher: Die Hand immer wieder sinnierend zur Stirn greifend, die Mähne theatralisch zurechtschüttelnd. So wie man es halt macht als Diva alter Schule. Das Publikum wird genauso gnadenlos geschurigelt ("Klatschen Sie nicht, wir haben noch nichts geleistet") wie ihre Band ("So geht das nicht!"). Souverän thront sie auf dem Schoß Nikolaus Habjans, der die Puppe mit seiner meisterhaften Führung nicht nur zum Leben erweckt, sondern ihr auch seine Stimme leiht. Der Abend ist nämlich dem Schaffen des Komponisten und Dichters Georg Kreisler gewidmet. Der gebürtige Wiener hatte seine große Zeit in den Fünfzigerjahren. Doch seine Lieder sind erstaunlich zeitlos und lassen sich gut in die Gegenwart übertragen. Mal morbide, mal lustig, und immer scharfsinnig und mit viel schwarzem Humor : Vom "Taubenvergiften im Park" über "Triangel" bis zu "Der Staatsbeamte" oder "Der Tod muss ein Wiener sein". Die Stimmungen kongenial begleitet von den Franuis, die auch Hackbrett und Harfe mitgebracht haben. Getoppt wird das Ganze dann noch, wenn Habjan gar noch eine zweite Puppe hervorholt, und zwar den wiederauferstandenen Georg Kreisler mit Fünziger-Jahre-Hornbrille und ölig zurückgekämmten Haaren. Das Männlein darf herumgranteln und seinen Wiener Schmäh versprühen, dass es nur so eine Schau ist.

Doch der Abend nimmt für Lady Bug keinen guten Verlauf. Nach munterem Beginn wird sie zunehmend vom Weltschmerz übermannt. Was zu einer Beziehungskrise mit ihrem Puppenspieler führt, von dem sie sich immer mehr bedrängt fühlt: "Zu nah!", faucht ihn die an ihn gekettete gequälte Seele ein ums andere Mal wütend an. Doch der dreht den Spieß um und zeigt der griesgrämigen alten Lady, wer hier der wahre Herr im Haus ist: Am Ende wird ihre leblose Hülle in einem Sarg-Koffer beerdigt.

Für so einen Abend lohnt sich das mühsame 2-G-Plus, das wohl alle Zuschauer mit einem ähnlichen Verlauf brav mitgemacht haben: Zwischen 16 und 18 Uhr zur Teststation bei der Helios Apotheke, die als einzige in Wolfratshausen an dem Tag aufhat. Glück gehabt, in der Pause zwischen zwei S-Bahnen sind nur wenige Leute in der Schlange, und 15 Minuten nach Ankunft hält man schon das Ergebnis in der Hand. Zurzeit dürfen ja nur 25 Prozent in die Loisachhalle, und daher ist sie auch "ausverkauft". Nicht endenwollender Jubel und Standing Ovations sind am Ende der Dank für eine tolle Vorstellung. Das rührt auch die Künstler, als Zugabe gibt Habjan noch sein Paradestück im Kunstpfeifen, Schuberts "Du bist die Ruh". Wieder einmal magisch.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB