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Gastronomie in Bad Tölz:Mühlfelder Mittelpunkt

Tölzer Bräustüberl - Wirtin Heidi Königbauer mit Bedienungen und mit Georg Gmeiner

Herzlicher Abschied: Georg Gmeiner, seit 2004 "Bürgermeister" der Mühlfelder, bedankt sich bei Wirtin Heidi Königbauer, die das Tölzer Bräustüberl fast 40 Jahre lang geführt hat. Sie hat aus Altersgründen aufgehört und das Gasthaus am Mittwoch zu gemacht.

(Foto: Privat/oh)

Das Tölzer Bräustüberl ist mehr als eine bayerische Bilderbuchwirtschaft: Seit fast 70 Jahren dient es den Stadtteilbewohnern als "Rathaus" für ihre "Gemeinderatssitzungen". Von Wirtin Heidi Königbauer müssen sie sich nun verabschieden. Sie hört nach 40 Jahren auf

Der schmiedeeiserne Schriftzug über der Schenke des Tölzer Bräustüberls verrät, auf welchem Territorium man sich hier befindet: "Mühlfeldler Gmoa" steht darauf, an den Wänden Fotos der "Alt- und Ehrenbürgermeister". Das Bräustüberl ist seit fast 70 Jahren das Zentrum und "Rathaus" der Gmoa-Bürger. Der "Gemeinderat" tagt dort, und jeden Tag gibt es eine Versammlung, respektive einen Stammtisch. Gezimmert hat ihn vor 40 Jahren der "Trompeten-Sepp" Josef Demmel. Mit den Sitzungen ist nun vorerst Schluss, nicht nur wegen Corona: Seit Mittwoch ist das Bräustüberl zu, Wirtin Heidi Königbauer hört auf. Nach fast 40 Jahren, vor allem aus gesundheitlichen Gründen, wie sie sagt. Am 1. April läuft der Pachtvertrag mit Löwenbräu aus.

Im Bräustüberl endet damit eine Ära: Als Heidi Königbauer zehn Jahre alt war, übernahm ihr Vater die Gastwirtschaft gegenüber der Mühlfeldkirche. Sie sei "in den Betrieb reingewachsen", machte eine Ausbildung zur Hotel- und Gaststättengehilfin, wurde im Jahr 1980 Bräustüberl-Wirtin und Chefin in der Küche. Schweinsbraten, Sauerbraten, alles traditionell bayerische Gerichte. Privatleben oder Hobbys? Fehlanzeige. "Die Wirtschaft war mein Leben", sagt die 68-Jährige, die über der Gaststube in der Betriebswohnung gelebt hat und nun auszieht. Höchstens zwei Wochen im Jahr hatte das Bräustüberl zu, am Mittwoch Ruhetag, mehr Freizeit war nicht. "Ich hab das ned anders gekannt", sagt Königbauer schlicht. Und auch nicht anders gewollt. "Sobald ich die Treppe in die Gaststube runter gegangen bin, war alles gut". Fast jeden Gast kannte sie beim Namen, "alles sehr nette, anständige Leute". Auch ihr Personal habe ihr jahrelang die Treue gehalten, und das sei in der Gastronomie ganz und gar nicht selbstverständlich. Und so gehe sie jetzt "mit einem lachenden und einem weinenden Auge". Das Bräustüberl ist eine bayerische Bilderbuchwirtschaft mit Tischen unter Kastanien, Maibaum und Blick auf die Mühlfeldkirche. Das denkmalgeschützte Gebäude aus dem Jahr 1925 ist ein Mikrokosmos bayerischer Lebensart - und Zentrum der Mühlfeldler Gmoa. Jeden Tag ist Stammtisch verschiedener Gruppen, weil die rund 200 Mitglieder, Männer und Frauen, die auch aus Gaißach, Lenggries oder Geretsried kommen, nicht alle gleichzeitig Platz finden.

Jürgen van Wahnem kommt immer freitags. Seit 2009 ist er mit dabei, seit fast zwei Jahren als Kämmerer, seine Frau ist Kassier. Der 72-Jährige mag das, das Beisammensein und Ratschen. Für die Bürger der Mühlfeldler Gmoa ist das Bräustüberl viel mehr als eine Gastwirtschaft. Ein Ort, wo man sich trifft, Karten spielt und Zeit verbringt. "Es gibt einige, die mehr im Bräustüberl als zuhause sind", sagt van Wahnem. Zeit haben die meisten, der Altersdurchschnitt der Gmoa-Bürger liegt bei 65, schätzt er. Junge Leute kämen "bedauerlicherweise" nicht nach, "die gehen lieber in Clubs". Stammtisch - das klingt wenig hip und eher nach bierseliger Politisiererei. Natürlich werde das tagesaktuelle Geschehen besprochen und die Kommunalpolitik kommentiert. Die Mühlfeldler Gmoa trage aber vor allem zu einer "lebendigen bayerischen Wirtshauskultur" bei, sagt van Wahnem in astreinem Hochdeutsch. Er ist in Düsseldorf aufgewachsen, 2002 wegen seines Jobs in der Elektronikbranche nach München gezogen, im Ruhestand dann nach Tölz.

Ein Rheinländer mit norddeutschen Wurzeln an einem bayerischen Stammtisch? Das geht, "ich fühle mich hier wirklich zuhause", sagt er. An den Abend, als er in die Mühlfeldler Gmoa aufgenommen wurde, erinnert er sich gut: Weil er gegenüber dem Bräustüberl wohnt, habe er sich "eines schönen Abends hineingesetzt und den Herren am Stammtisch eine Runde ausgegeben". Man habe ihn dazugebeten, ausnahmsweise, weil das eigentlich nur Gmoa-Bürgern erlaubt ist. Bis morgens um halb drei ging die Versammlung, ab dann war er dabei. "Jürgen, du bist und bleibst a Preiß" - das müsse er sich manchmal anhören, erzählt er und lacht. Eine liebevolle Frotzelei, denn die Regeln sind nicht mehr so streng wie früher. Jeder, der einen Antrag stellt und vom Gemeinderat abgesegnet wird, kann mitmachen. "Unser weitester war ein Seemann aus Hamburg", erzählt "Bürgermeister" Georg Gmeiner. Entscheidend sei, "dass das bayerische Lebensgefühl passt." Gmeiner ist seit 2004 im Amt, alle zwei Jahre wird gewählt. Der 67-jährige frühere Radio- und Fernsehtechniker organisiert den Verein und führt den "Gemeinderat". Er ist zuversichtlich, dass das Bräustüberl als "Rathaus" bleibt. Es gebe "mehrere Bewerber", als Termin für eine Wiedereröffnung steht der 1. Juni im Raum.

Schon immer seien die Mühlfeldler nach dem Vorbild einer politischen Gemeinde organisiert gewesen, erzählt Gmeiner. Das habe eine lange Tradition. "Die Schrecken des Zweiten Weltkriegs waren noch nicht vergessen und die Zeiten schlecht, sodass einer auf den anderen angewiesen war", heißt es in der Chronik. 1946 sei deshalb ein Stammtisch von Bürgern aus dem Tölzer Stadtteil Mühlfeld entstanden, der sich der Geselligkeit und dem Zusammengehörigkeitsgefühl verpflichtet fühlte. In Tölz gab es noch drei weitere Gemeinden, die Hintersbergler, die Grießler und die Kohlstattler, die sich allerdings nicht hielten.

Die Mühlfeldler blieben: Am Dreikönigstag 1951 wurde die Mühlfeldler Gmoa offiziell gegründet und als "Rathaus" das Tölzer Bräustüberl bestimmt. Um 20.15 Uhr traf man sich zur ersten außerordentlichen Sitzung und wählte den Gemeinderat. Neben dem geselligen Beisammensein am Stammtisch gibt es diverse Aktivitäten: Jahresmesse in der Mühlfeldkirche, Ausflug zum Josefifest auf dem Reutberg, die traditionelle Weihnachtsfeier. Höhepunkt ist das Aufstellen des Maibaums vor dem Bräustüberl, das alle drei Jahre stattfindet. Dass Heidi Königbauer als Wirtin aufhört, findet nicht nur van Wahnem schade. "Wir werden sie vermissen". Die Atmosphäre im Bräustüberl sei einmalig gewesen, nicht zuletzt wegen der freundlichen Bedienungen. Küche und Brandschutz würden nun modernisiert und die Gaststube "aufgehübscht", aber nicht verändert, sagt er. Das sei auch gar nicht nötig. "Das Bräustüberl hat Charakter."

© SZ vom 28.03.2020

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