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Flächenfraß und Supermarkt:Kontroversen in Icking

Der Bürgerentscheid zur Bebauung der Huberwiese, über den der Gemeinderat entscheiden muss, wäre nicht nur der erste im Ort. Weil es um Flächenverbrauch geht, könnte das Beispiel auch woanders Schule machen

Von Claudia Koestler, Icking

Die Gemeinde Icking steht vor einer Premiere: Erstmals in der Geschichte der Isartalkommune könnten die Bürger mittels eines Bürgerentscheids eine Weiche für die Zukunft ihres Ortes und des Ortsbildes stellen. Ob der Antrag zulässig ist, wird in der Gemeinderatssitzung an diesem Montag beraten und beschlossen. Das Ergebnis dürfte auch andere Kommunen im Landkreis hellhörig werden lassen.

Zwar dreht sich das Bürgerbegehren, das den Erhalt der letzten innerörtlichen Freifläche zum Thema hat, nur um einen von zahlreichen Streitpunkten in der Gemeinde. Nicht minder kontrovers diskutiert werden der geplante Supermarkt, das Einheimischenmodell, sozialer Wohnungsbau, Flüchtlingsunterkünfte und Maßnahmen gegen die Überflutungsgefahren. Letztlich lassen sich all diese strittigen Themen aber auf einen gemeinsamen Nenner bringen, der auch zahlreiche andere Städte und Gemeinden beschäftigt: Flächennutzung und Flächenverbrauch.

Die Zwickmühle: Icking setzt bei der Ausweisung von Wohn- und Gewerbeflächen auf Innenverdichtung. Die Versiegelung führt, auch wegen der Topografie des Orts, bei Starkregen zu heftigen Überschwemmungen. Ob und wie weit verdichtet werden soll, diese Grundsatzfrage stellte sich auch bei der Frage nach Nahversorgung. Damit sich der Betrieb des künftigen Supermarktes rechnet, müssen die rund 2000 Quadratmeter der Maibaumwiese fast komplett überbaut werden. Zudem erhitzt die äußere Gestaltung als Pseudo-Bauernhof die Gemüter.

Dass mit der Huberwiese auch noch die letzte innerörtliche Freifläche bebaut werden könnte, führte nun zum Antrag für den ersten Bürgerentscheid Ickings. Mit diesem Mittel wollen Einwohner verhindern, dass die knapp 10000 Quadratmeter große Wiese zwischen Talberg und Egartsteig bebaut wird. Bürgermeisterin Margit Menrad (UBI) argumentiert, dass die Fläche für die Landwirtschaft deklariert sei, und sich rundum Wohnbebauung befinde. Die Wiese sei daher nicht mit anderen Flächen im Außenbereich vergleichbar und auch keiner der sogenannten Grüngürtel, die die Ortsteile voneinander trennen. Der Grundeigner will im Gegenzug für die Ausweisung als Bauland der Gemeinde einen Teil günstig abtreten. "Die Mehrheit des Gemeinderats sieht den Erwerb einer Fläche von rund 4200 Quadratmetern an dieser Stelle als eine Chance für die gesamte Gemeinde", sagt Menrad. Offen sei, was die Gemeinde mit ihrem Teil mache, hier könnten sich die Einwohner mit Ideen beteiligen. Doch insbesondere die Reihenfolge des Vorgehens - erst Kauf, dann Bebauungsplan - entzweit Bürger und Politik. Denn Art und Umfang der Bebauung und die Ausgestaltung der Rücktrittsklausel müssen als Vertragsangelegenheit vorher nicht öffentlich behandelt werden.

Doch die Bürger könnten das Wort erhalten und grundsätzlich entscheiden: belassen oder bebauen. Deutliche Stimmen gibt es bereits: In einem offenen Brief an die Gemeinde beklagte die Psychotherapeutin Angela Grigelat jüngst den Flächenverbrauch Ickings und die mangelnde Sensibilität für die Endlichkeit von verwertbaren Flächen. Sie fordert, über die nächste Generation hinaus zu denken: "Was nützen uns winzige halbwegs geschützte Flächen wie die Pupplinger Au, wenn sich an ihnen vorbei demnächst ein Siedlungsbrei von München nach Wolfratshausen wälzt." Aus ihrer Sicht bedarf es einer Umkehr in Form von Bau-Moratorien und besserer Auslastung vorhandener Bauten. Grigelat wünscht sich "keine vorauseilende Kapitulation vor Baubegehren". Die Gemeinderäte sollten stattdessen für politische Überzeugungen und ihre Wahlprogramme eintreten - für eine "lokale Baupolitik mit weniger G'schmäckle".

© SZ vom 18.04.2016
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