Dialog von Kunst und Wissenschaft:Vom Urknall bis vor die Haustür

Raoul Schrott begeistert seine Zuhörer auf Gut Nantesbuch

Von Sabine Näher, Bad Heilbrunn

Der erste Eindruck: Raoul Schrott ist ein extrem lockerer Typ, wie er aufs Podium schlendert und dem Auditorium mit Tiroler Akzent ein "Grüß Gott!" zuruft. Zweiter Eindruck: Schrott ist nicht nur ein großartiger, vielfach ausgezeichneter Schriftsteller, sondern auch ein begnadeter Erzähler. Dritter Eindruck, zweieinhalb Stunden später: Schrott ist ein unfassbar gebildeter Mensch, der sich mit den schönen Künsten wie den Naturwissenschaften auskennt. Das Literatur- und Musikfest "Moosbrand" widmete seinem Werk "Erste Erde. Epos" einen ganzen Tag.

Schrott will nicht lesen, lieber erzählen, wie ihm "allmählich ein Licht aufgegangen" sei. "Ich bin jetzt 50, zähle meine Jahre rückwärts - und bei Null werde ich nicht mehr ankommen." Er habe es sich zum Ziel gesetzt, "das wissenschaftliche Wissen über die Welt narrativ umzuformen". Ehe man über das Ausmaß dieser Enthüllung ins Grübeln kommt, ist er schon mitten drin: "Warum sind alle Pflanzen grün?" Die Antwort auf diese Frage wird zur spannenden Geschichte. Man beginnt zu ahnen, was Schrott antreibt. "Ich wollte vom Urknall bis nach Tirol vor die Haustür kommen." Die Deutsche Bundeskulturstiftung, finanzierte ihm eine vierjährige Recherche. "Da war ich gerade einmal bei den Bakterien angekommen", gesteht Schrott.

Dann berichtet er, wie er um die Sprache, die Form und die inhaltliche Ausgestaltung des Buches gerungen hat. Überall auf der Welt besuchte er Orte, die für wesentliche Entwicklungsschritte stehen, und suchte sich für jede dieser Geschichten einen Erzähler, dessen Lebenssituation er mit dem wissenschaftlichen Thema verknüpft. Ein Beispiel: Schrott will sich das älteste erhaltene Gestein anschauen; es ist 4,2 Milliarden Jahre alt und liegt im Nordwesten Kanadas. Die Anreise wird zum Abenteuer: Das Boot kentert, Essensvorräte weg, Landkarten weg, Mückenschutz weg. Doch weiter geht's, Schrott will diese Steine sehen und anfassen. Nach der Begegnung mit einem Schwarzbären kommt er ans Ziel: Ekstase! Doch ohne Karte verfehlen sie den Ort, wo der Hubschrauber sie wieder abholen soll . . . "Als Literatur wäre das eine Räuberpistole", merkt Schrott an. Deshalb steht diese Geschichte auch so nicht im Buch, die gab es exklusiv für das Publikum in Nantesbuch, das von der Geigerin Maya Homburger und dem Kontrabassisten Barry Guy auch auf eine musikalische Reise mitgenommen wurde.

Die Stiftung Nantesbuch will Kunst und Wissenschaft in einen Dialog bringen will. Am Samstag führte der Astronom und Kosmologe Josef M. Gaßner ein Gespräch mit Schrott über das Thema "Wie funktioniert die Welt?" Gaßner hatte eine Apfelsine (die Sonne) mitgebracht und ließ Schrott circa zehn Meter entfernt die Position der Erde einnehmen, welche eigentlich die Größe eines Reiskornes hätte. "Der nächste Stern läge, dieser Relation gemäß, 700 Kilometer hinter Moskau", erläuterte Gaßner. Das Phänomen der sich verändernden Zeit blieb rätselhaft. "Wir sind alle Kinder der Sterne. Und wir werden auch wieder in einem Stern enden." Die Frage einer Zuhörerin, was nach dem Tod aus dem Geist oder der Seele werde, wollte Gaßner nicht beantworten: Zwischen Theologie und Naturwissenschaft gebe es da keinerlei Gemeinsamkeit. Zwischen Kunst und Wissenschaft hingegen kann es zu intensiven Begegnungen kommen - quod erat demonstrandum.

© SZ vom 26.09.2017
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