Das Alpamare schließt:Schluss mit lustig

Alpamare in Bad Tölz, 1971

Ein Bild aus der guten, alten Zeit: Im Jahr 1971 war das Alpamare in Bad Tölz noch das deutsche Spaßbad schlechthin - jetzt muss es schließen.

(Foto: ap/dpa/picture alliance/Süddeutsche Zeitung Photo)

Generationen von Wasserratten aus ganz Bayern ließen sich von der künstlichen Brandung mitreißen. Die Zeit der kleineren Spaßbäder ist vorbei, und mit ihnen geht ein Sehnsuchtsort der Kindheit

Von Alexandra Vecchiato und David Costanzo, Bad Tölz

Die letzte Welle wird am künstlichen Ufer ausrollen, die Rutschen-Reifen eingesammelt werden - und ganz am Ende wird vermutlich jemand den Stöpsel in den riesigen Schwimmbecken ziehen müssen, um das Wasser abzulassen. Jetzt ist es also so weit: Das Alpamare geht in seine letzte Woche und sperrt am kommenden Sonntag für immer zu. Nach 45 Jahren geht nicht nur das Spaßbad der ersten Stunde unter, wieder verschwindet ein Sehnsuchtsort der oberbayerischen Kindheit, der in der Erinnerung nach Pommes und Sonnencreme und Chlor in den Haaren riecht. Von den Folgen für die Kurstadt Bad Tölz ganz zu schweigen. Schluss mit lustig.

Ein einziger Badetag war wie ein ganzer Urlaub: Endlos zogen sich die Kurven über Autobahnen und Landstraßen, viel zu kurz schien der Spaß zwischen Brandungswellen und Rutschen - und auf der Rückfahrt schliefen alle erschöpft auf der Rückbank. Generationen von Kindern aus ganz Bayern und von noch weiter kamen mit ihren Eltern nach Bad Tölz. Rund 15 Millionen Besucher lockte das Alpamare seit 1970 mit seiner Mischung aus Wasserspaß und Therme an.

Die Stammgäste können das es Ende nicht fassen. "Dass es das Alpamare nicht mehr geben soll, kann ich gar nicht glauben. Das gehört doch zur Stadt", sagt etwa Silvia Krauss-Dubois. Die 47-Jährige lebt mittlerweile mit Ehemann und Kindern in Paris und macht Ferien in Deutschland. Einen Teil ihrer Kindheit verbrachte sie bei den Großeltern am Tegernsee. Von dort sei die Familie gerne nach Bad Tölz gefahren. Auf der Facebook-Seite laufen täglich Kondolenzbekundungen ein: "Tschüss, liebes Alpamare, wir werden dich sehr vermissen!", schreibt ein Nutzer. Und ein anderer: "Bye-bye, Alpamare - scheiden tut weh - hat mich mein ganzes Leben in Tölz begleitet." Die Tölzer Kulturführerin Barbara Schwarz erzählt aber auch, dass vielen Einheimischen der Eintritt ins Alpamare viel zu teuer gewesen sei, die Tageskarte kostet 35 Euro. Sie selbst sei lieber in den umliegenden Seen Baden gegangen. "Das Alpamare war eher was für Auswärtige", sagt Schwarz.

In seiner besten Zeit war es mit 500 000 Besuchern im Jahr eines der größten Erlebnisbäder Deutschlands. Schon vor Jahren der Einbruch: Rutschen, Wellenbecken und Indoor-Surfen lockten zuletzt nur noch gut 200 000 Besucher im Jahr an. In seiner jetzigen Form kann das Bad mit der Konkurrenz nicht mehr mithalten. Mit dem Ende des Alpamare plätschert auch die Geschichte der kleineren Spaßbäder aus - die Königstherme in Königsbrunn bei Augsburg hat Insolvenz angemeldet. Rutschen gibt es heute in jedem städtischen Hallenbad für eine Handvoll Euro Eintritt. Um zu einem Wellenbecken zu fahren, muss heute kein Vater mehr seine Kinder um sechs Uhr wecken. Und statt dreistellige Eintrittsgelder für einen Tag Action hinzulegen, nehmen manche Jugendlichen lieber gleich den Billigflieger nach Mallorca.

Um konkurrenzfähig bleiben zu können, hätte die Jodquellen AG als Alpamare-Betreiberin kräftig in den Standort im Tölzer Kurviertel investieren müssen. "Das Alpamare ist das einzige Freizeitbad in Deutschland, das keinen einzigen Cent Unterstützung bekommt", klagte Jod-AG-Chef Anton Hoefter schon vor Monaten. Eine Finanzspritze von Seiten der Stadt wurde nicht gewährt, ebenso lehnte der Tölzer Stadtrat den Bau eines neuen Parkhauses ab - laut Betreiberin zwingend erforderlich, um auf dem beengten Areal eine Erweiterung und Modernisierung vornehmen zu können.

Anfang 2014 scheiterten die Verhandlungen zwischen Jodquellen AG und Stadt über die Weiterführung des Alpamare zu veränderten Bedingungen. Letztere plant nun selbst, an anderer Stelle eine Wellness- und Spa-Anlage samt neuem Hotel zu errichten. Noch in diesem Jahr soll das Konzept der Einrichtung, die eher auf Erholung, Ruhe und Gesundheitsvorsorge abzielt, im Stadtrat vorgestellt und beschlossen werden. Danach folgt ein Architektenwettbewerb. "2016 werden wir nicht eröffnen, aber 2017 könnte es funktionieren", sagt Bürgermeister Josef Janker (CSU).

Vor allem die viel größere Therme in Erding dürfte dem Alpamare die Gäste abgejagt haben. Rund 1,7 Millionen Badegäste waren 2014 laut Management in Erding. Auch Touristen, die in Bad Tölz Urlaub machten, führen dorthin, sagt die stellvertretende Kurdirektorin Susanne Frey-Allgaier.

Und so versucht die Stadt, aus der Not eine Tugend zu machen: Von September an karrt sie mit einem "Bäderbus" Touristen und Einheimische zweimal wöchentlich in Erlebnisbäder - montags 83 Kilometer in die Therme Erding und donnerstags sogar 117 Kilometer in die Südsee-Therme Bad Wörishofen. Jeweils um 9 Uhr geht es los, vier Stunden später holt der Bus alle wieder ab. Die Fahrkarten kosten 26 Euro mit Kur- und Gästekarte, sonst 35 Euro.

Das sei eine "hervorragende Alternative" für die Nach-Alpamare-Zeit, sagt Bürgermeister Janker und fügt hinzu: Das Angebot nehme jenen den Wind aus den Segeln, die meinten, Tölz gehe unter, wenn das Alpamare schließt.

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