bedeckt München 22°

Brecht-Abend im Garten:Mackie Messer und Spargelgeschichten

Theatersommer im Isartal 2020

Mit ihrer Bühnenpräsenz hatten Bettina Ullrich (rechts) zusammen mit Claudia Hrbatsch das Publikum beim Brecht-Abend voll im Griff.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Sängerin Bettina Ullrich und Pianistin Claudia Hrbatsch begeistern "Gesellschaft unterm Apfelbaum" in Icking

Von Susanne Hauck, Icking

Was für ein herrlicher Abend. Die Besucher können gar nicht aufhören, sich schon vor dem Beginn gegenseitig der gelungenen Veranstaltung zu versichern, immer wieder rühmen sie den lauschigen Garten, die lauen Temperaturen der blauen Stunde, die stimmungsvolle Illumination mit Fackeln und Lichtschlangen - und wie vorsorglich Veranstalterin Barbara Reimold wieder wärmende Fleecedecken herangeschleppt hat, wenn zu fortgeschrittener Stunde die Kühle aus der Wiese aufsteigt. Es gehört bei der "Gesellschaft unterm Apfelbaum" in Icking dazu, sich frühzeitig an den weitläufig verteilten, kleinen Sitzgruppen auf ein Glas Wein zu treffen, um die Atmosphäre auszukosten.

Die einzigen Störenfriede an diesem Donnerstag sind ein paar versprengte Mücken, aber selbst die suchen bald das Weite. Weit über 100 Zuhörer nehmen später in dem Konzertsaal in Grünen Platz - alle in gebührendem Corona-Abstand. "Es ist etwas Grandioses, das Barbara hier geschaffen hat", findet auch Bettina Ullrich. Die Schauspielerin und Sängerin eröffnet den szenischen Liederabend "Faszination Brecht und die Zwanzigerjahre" mit dem Geständnis, dass sie das Programm unter dem Eindruck von Corona kurzerhand verändert habe, schließlich sei Brecht mal wieder so aktuell wie schon lange nicht mehr. "Ich werde ihm nicht gerecht, wenn ich ihn in dieses Jahrzehnt einquetsche", sagt sie. "Brecht provoziert, er fasziniert, er wollte, dass die Menschen sich auseinandersetzen mit sich selbst, der Gesellschaft und der Politik."

Bertolt Brecht ist nicht immer leichte Kost. Aber Ullrich und ihre versierte Pianistin Claudia Hrbatsch verstehen es, ihn so zu servieren, dass er nicht schwer im Magen liegt. Die beiden folgen seiner Vita von der rebellischen Jugend über die Berliner Jahre mit den vielen Frauengeschichten, dem Exil in Amerika bis zur Rückkehr nach Deutschland und der triumphalen Gründung des Berliner Ensembles. Und sie haben das Repertoire des szenischen Liederabends so ausgewählt, dass es die Stimmung der Zeit und die gesellschaftlichen Umbrüche bestens einfängt.

Dank ihrer Natürlichkeit und Bühnenpräsenz hat Bettina Ullrich das Publikum von Anfang an voll im Griff. Zum Schluss braucht es nicht mal mehr eine zusätzliche Aufforderung, beim Ohrwurm "Mackie Messer" mitzusingen. Den intellektuellen Brecht mischt die Münchnerin mit den großen Schlagern von damals oder ein paar swingenden Gershwin-Liedern. Eine Handvoll Requisiten, eine andere Tonlage, unterstützt von entsprechender Gestik - und schon ist Ullrich eine naive Verführte, eine abgehalfterte Straßendirne, eine Schauerballaden vortragende Moritatensängerin. Und dann erst ihre wandelbare Stimme, mit der sie bis zur Essenz der Lieder vordringt. Mal ganz zart für Brechts wehmütige Liebesgedichte, mal gewollt operettenhaft für die Filmschlager, mal forsch und fordernd für die politischen Stücke. Sie schmeichelt, sie klagt, sie hofft, sie resigniert. Bettina Ullrich kann die lauten und die leisen Töne.

Zwischendurch streut sie biografische Anekdoten ein. So wurde Brecht einst schlechter Spargel serviert, worauf er sich das DDR-übliche Beschwerdebuch bringen ließ. Sein lakonischer Eintrag: "Fünf Spargel ohne Köpfe. Zähes Fleisch. Bertolt Brecht." Worauf der Kellner geschwind eine Riesenportion brachte, die nichts zu wünschen übrig ließ. Als Brecht trotzdem wieder nach dem Beschwerdebuch verlangte, fragte ihn der verblüffte Kellner, ob das Essen immer noch nicht gut wäre. "Doch, aber ich beschwere mich im Namen derjenigen, für die nun nichts mehr übrig ist."

© SZ vom 01.08.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite