"Weltkunst" an der Isar:Holz, das fließt, und andere Wunder

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"Weltkunst" an der Isar: Daniel Fuchs in seiner Werkstatt.

Daniel Fuchs in seiner Werkstatt.

(Foto: Manfred Neubauer)

Vor vier Jahren arbeitete Daniel Fuchs noch bei einer Eventfirma auf der Messe in München. Nun eröffnet die Hamburger Pashmin Art Gallery für ihn eine Dependance in Bad Tölz. Über eine schier unglaubliche Geschichte.

Von Stephanie Schwaderer

Bis alles fließt, kann es bisweilen dauern. Bei "Panta Rhei" waren etwa 12 000 Schnitte nötig. Daniel Fuchs hat sie mit einem hauchdünnen Sägeblatt in eine ein mal zwei Meter große Fichtenplatte gesetzt, millimetergenau, wie Höhenlinien auf einer Landkarte. Danach hat er die Fläche zum Leben erweckt, hat sie aufbrechen, wachsen und Gestalt annehmen lassen. Unzählige feine Holzringe hat er dazu wie ein Teleskop aus der Platte gezogen, hat sie gedreht, gekippt, geformt, so dass sich nun eine spektakuläre Landschaft entfaltet - unfassbar, was in einem Fichtenbrett steckt! Zu sehen ist die Arbeit derzeit in der Säggasse 7 in Bad Tölz. An der Fassade prangt ein neues Schild: "Pashmin Art Gallery". Und drinnen im dunkelgraugestrichenen Gewölbe steht Daniel Fuchs und erzählt seine Geschichte. Eine schier unglaubliche Geschichte.

"Weltkunst" an der Isar: "Panta Rhei", die bislang aufwendigste Arbeit des Künstlers.

"Panta Rhei", die bislang aufwendigste Arbeit des Künstlers.

(Foto: Ilze Onzule/Pashmin Art Gallery/oh)

Fuchs ist 48 Jahre alt, gelernter Schornsteinfeger und Elektriker. Vor vier Jahren noch arbeitete er bei einer Eventfirma in München. Seither hat er 17 filigrane Holzreliefs geschaffen, die jedes für sich ein Erlebnis sind. Und nun ist er der Grund, warum die Hamburger Galerie Pashmin, die nach Auskunft ihres Direktors Nour Nouri weltweit mit mehr als 4000 Künstlern zusammenarbeitet und Filialen in Peking (22 Millionen Einwohner), Shanghai (26 Millionen) und Chongqing (31 Millionen) betreibt, an diesem Wochenende auch in Bad Tölz (0,017 Millionen Einwohner) eine Dependance eröffnet.

Vor ein paar Jahren hätte Fuchs über diesen Gedanken wohl gelacht. Sein Leben sei "eine Irrfahrt" gewesen, sagt der gebürtige Greizer freimütig. "Ich war ganz unten. Immer wieder. Ich war obdachlos, hab von der Hand in den Mund gelebt." Alle möglichen Arbeiten habe er angefangen, habe sie gut gemacht, sehr gut gemacht, aber dann wieder hingeschmissen, weil sie ihn nicht erfüllten. Vor zwölf Jahren zog er zu seiner Frau nach Bad Tölz. Die Stadt habe er sofort gemocht, sagt er. "Es hat mich gefreut, dass die Leute sich hier in die Augen schauen und Servus sagen. In Thüringen gibt es das nicht."

Sein Schicksal wendete sich 2016 am Gartenzaun der Nachbarin. "Der Zaun war kaputt und hing an ein paar Stellen herunter", erzählt Fuchs. Also habe er ihn unaufgefordert repariert und sei mit der Nachbarin ins Gespräch gekommen. Die Nachbarin war Susanne Löffler, Kunsthistorikerin, leidenschaftliche Kunstliebhaberin und stadtbekannte Buchhändlerin. "Ihr habe ich alles zu verdanken", sagt Fuchs. "Sie hat mich entdeckt und gefördert." Zuerst habe er ihr nur ein paar Sachen aus seiner Werkstatt zeigen wollen. "Aber sie hat gesagt: Da machen wir weiter! Hör auf zu arbeiten, mach Kunst!" Eine großzügige Handreichung und eine Herausforderung. "Ich hatte überhaupt kein Selbstvertrauen."

Mittlerweile hat Fuchs in China und Chicago ausgestellt; das Mark Rothko Art Center in Lettland hat ihm vor einem halben Jahr eine Einzelausstellung in Daugavpils gewidmet. In Deutschland waren seine Arbeiten bislang nur einmal zu sehen, bei seiner allerersten Ausstellung: 2019 im Tölzer Stadtmuseum. Initiiert und finanziell gefördert durch Susanne Löffler.

"Weltkunst" an der Isar: Besucherinnen im Hong Kong Museum of Art betrachten eine Arbeit von Daniel Fuchs.

Besucherinnen im Hong Kong Museum of Art betrachten eine Arbeit von Daniel Fuchs.

(Foto: Pashmin Art Gallery/oh)

Was aber bewegt die Pashmin Art Gallery dazu, in der Tölzer Säggasse eine Filiale aufzumachen? Kommt es öfters vor, dass sie für Künstler Dependancen eröffnet? "Nein", sagt Direktor Nouri am Telefon, "das ist das erste Mal." Daniel Fuchs sei ein ganz besonderer Mensch und ein genialer Künstler, der in "überhaupt keine Kategorie" passe. "Er hat ein riesengroßes Potenzial, Weltkünstler zu werden." In Bad Tölz sei Fuchs verwurzelt, dort beziehe er seine Inspiration, deshalb wolle man ihn am Ort seines Schaffens fördern und unterstützen.

"Normalerweise werden Künstler in ihren Dörfern oder Städten groß und gehen von dort in die Welt hinaus", sagt Nouri, der seit 30 Jahren im Kunstgeschäft tätig ist. "Wir ändern die Kunstgeschichte jetzt ein bisschen und machen es umgekehrt." Die Frage nach der Rentabilität sei für ihn in diesem Fall nicht ausschlaggebend. "Ich tu etwas, das mir auch Spaß macht."

"Weltkunst" an der Isar: Daniel Fuchs vor einem frisch gehängten Holzmosaik in der Säggasse.

Daniel Fuchs vor einem frisch gehängten Holzmosaik in der Säggasse.

(Foto: Manfred Neubauer)

Neben Fuchs-Reliefs will die Pashmin Art Gallery in der Säggasse ihr aktuelles Programm zeigen und die Werke internationaler Künstler präsentieren. Die Filiale soll Anlaufstelle für Kunden aus Österreich und der Schweiz sein. "Wir wollen das kulturelle Leben in Bad Tölz fördern", sagt Nouri. Glaubt er, dass dieses Angebot angenommen werde? "In China habe ich gelernt, dass man mit Ausdauer, Hingabe und Liebe ans Ziel kommt, auch wenn es manchmal Jahre dauert."

160 Leute haben in den vergangenen Tagen eine große glänzende Einladungskarte zur Eröffnung bekommen. Die Frau, die alles ins Fließen gebracht hat, ist nicht darunter. Susanne Löffler ist am 24. Februar 2022 gestorben, einen Tag nach ihrem 80. Geburtstag. "Ein schwerer Schlag", sagt Daniel Fuchs. "Aber ich spüre, dass sie noch hier ist. Manchmal legt sie ihre Hände auf meine Schultern, damit ich das alles durchstehe."

"Weltkunst" an der Isar: In zwei Mal 39 Schnitten erzählt Daniel Fuchs die Geschichte seiner Begegnung mit Susanne Löffler.

In zwei Mal 39 Schnitten erzählt Daniel Fuchs die Geschichte seiner Begegnung mit Susanne Löffler.

(Foto: Manfred Neubauer)

In den vergangenen Monaten hat er die Galerie nach seinen Vorstellungen herausgeputzt, hat die Fassade neu getüncht und die Fenster gestrichen, Rasen gesät und Platten verlegt. Auch in seinem Atelier hat er viele Stunden verbracht. Dort sind zwei Reliefs entstanden, die nun im hinteren Gewölberaum hängen. Bislang haben sie noch keinen Titel. Aber sie sind "für Susanne", wie Fuchs sagt. Zweimal 39 Schnitte hat er gebraucht, um ihre gemeinsame Geschichte zu erzählen.

"In schlimmen Zeiten habe ich immer nur an Positives gedacht", sagt er. Und das wolle er auch mit seiner Kunst vermitteln. "Was macht das Leben aus? Das, was wir fühlen: Verzweiflung, Wut, Liebe, das, was uns formt." Und was ist das Wichtigste im Leben? "Liebe, die man bekommt und gibt."

Auf den beiden Reliefs treffen zwei tropfenförmige Einheiten in einer Wellenlandschaft aufeinander, verändern sich und die Farbe rings um sich. Auf dem ersten Bild stupst die eine ihr Gegenüber, das sich noch nicht ganz entfaltet hat, in der Mitte an. Im zweiten Bild haben sich beide mit ganzer Kraft erhoben und sind fast miteinander verschmolzen. Wer ganz genau hinsieht, erkennt, dass sich die eine Einheit schon wieder ein paar Millimeter zurückgezogen hat.

Jeder Betrachter wird dazu eigene Assoziationen haben. Was außer Frage steht: Da ist viel Energie im Spiel. Alles fließt.

Die Arbeiten von Daniel Fuchs sind in der Pashmin Art Gallery, Säggasse 7, Bad Tölz, von Montag, 25. Juli, bis 27. August zu sehen. Die Galerie ist werktags von 14 bis 19 Uhr geöffnet. Infos unter www.pashminart-gallery.com

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