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Aus dem Amtsgericht:Von Wildkamera überführt

Frau schlitzt Autoreifen des Nachbarn auf und wird gefilmt

Von Benjamin Engel, Wolfratshausen

Die Motivlage der Angeklagten bleibt in einem kuriosen Nachbarschaftsstreit im Landkreis ungeklärt. Zum Vorwurf der Sachbeschädigung schwieg die Seniorin vor dem Amtsgericht Wolfratshausen. "Na, i sag nix", blieb ihr einziger vollständiger Satz in der Verhandlung. Womöglich gab es aber auch kaum mehr zu sagen. Denn ihr Nachbar hatte eine Wildkamera installiert. Die Videoaufnahmen zeigen, wie die 62-jährige Rentnerin in einer Mainacht dieses Jahres den Reifen am Auto des Mannes mit einem Messer aufschlitzt. Außerdem hat der damals 27-jährige Schlosser gesehen, wie die Angeklagte zugange war. Die Rentnerin wurde zu einer Geldstrafe von 1200 Euro verurteilt.

Unter den Attacken der Frau leidet der Nachbar eigener Aussage nach schon jahrelang. Die Angeklagte habe Verschiedenes beschädigt, berichtete er. "Ich habe ein Gespür entwickelt, wenn etwas kommt." Am Vorabend des 25. Mai sei er mit seiner Freundin im Auto nach Hause gefahren. Als er den vier Tage zuvor gekauften Gebrauchtwagen auf der Straße parkte, habe er sich beobachtet gefühlt. Seine Reaktion: "Wir haben eine Wildkamera angebracht."

Das beruhigte ihn offensichtlich kaum: In der darauffolgenden Nacht schlief der junge Mann schlecht. Gegen 1 Uhr wachte er auf. Durch das Küchenfenster sah er, wie sich die Angeklagte am linken Vorderreifen seines Autos zu schaffen machte. Die Frau habe eine Sonnenbrille getragen und einen Gegenstand in der Hand gehalten, der wie ein Messer ausgesehen habe. Als er durch die Haustür auf die Straße gelaufen sei, habe er schon gehört, wie der Reifen an seinem Auto laut zischte. Die mit dem Messer bewaffnete Frau anzusprechen, traute er sich nicht. Das Risiko, mit der Seniorin aneinanderzugeraten, wollte er vermeiden. "Das brauche ich mit Sicherheit nicht" sagte er vor Gericht. Allerdings konnte er beobachten, wie die Angeklagte in ihren Wagen stieg und davonfuhr. "Ich habe ihr Nummernschild gesehen."

Noch in der Tatnacht hatte der junge Mann sich die Aufnahmen der Wildkamera angeschaut. Am folgenden Morgen rief er sofort die Polizei an und zeigte seine Nachbarin an. "Das geht einfach zu weit, weil es um die Gesundheit von uns allen geht", sagte er.

Angefangen hat der Nachbarschaftsstreit, als sich der junge Mann einen Hund kaufte. Mit dem Tier habe die neu zugezogene Seniorin spazieren gehen wollen, schilderte er. Das sei ihm nicht recht gewesen. Irgendwann sei es dann eskaliert. Unter anderem habe ihm die Frau auch eine Kartoffel in den Auspuff gestopft. Seine Anzeige sei fallengelassen worden.

Seit der Anzeige im vergangenen Mai ist nichts mehr passiert. Zusätzlich zum zerstochenen Reifen musste der junge Mann auch den gegenüberliegenden Vorderreifen austauschen. Für die Staatsanwältin war die Angeklagte überführt. Auf den Aufnahmen sei sie zu sehen, sagte sie. Ihr Nachbar habe sie eindeutig identifiziert. Wenn der junge Mann mit dem Auto losgefahren wäre, ohne den zerstochenen Reifen zu bemerken, hätte es gefährlich werden können. Die Staatsanwältin forderte eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu 30 Euro, insgesamt 1800 Euro. Darunter blieb der Strafrichter. Er sah keine Anhaltspunkte, die Tagessatzanzahl gegenüber dem Strafbefehl zu erhöhen, gegen den die Angeklagte Einspruch eingelegt hatte. Als er wissen wollte, ob die Frau noch Fragen habe, hörte er nur "Nein".

© SZ vom 18.09.2020

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