Aus alter Zeit Erinnerungen in Schwarz-Weiß

Ein Sammler hat der Gemeinde Münsing seine Ansichtskarten aus der Zeit zwischen 1900 und 1960 vermacht. Im Ambacher Verlag sind jetzt 50 Motive "See & Dorf" erschienen.

Von Benjamin Engel

Die Farben mögen verblasst, das Papier ein wenig fleckig geworden sein. Um so mehr können diese Karten die Erinnerungen schärfen an das, was war, sich verändert hat oder gänzlich verschwunden ist. Ganz allein steht das Kurheim "Waldschlösschen" noch 1962 mitten zwischen Bäumen auf einer alten Ansichtskarte. In dem Haus mit Türmchen ließ Fritz Wiedemann damals die Patienten seiner Privatklinik in Ambach übernachten. Erst später wurde das Gebäude umgebaut, verschwand in seinem Kern fast zwischen den Anbauten der wachsenden Wiedemann-Kurklinik. Ein ganzer Medizin-Komplex entstand im Umkreis. Die Schauspieler Heinz Rühmann und Gert Fröbe oder Polit-Größen wie der österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky suchten im Sanatorium Verjüngung. Mitte der 2000er-Jahre war die Klinik pleite. Seitdem stehen die Gebäude leer. Doch das "Kuratorium Wohnen im Alter" plant ein Seniorenwohnstift mit bis zu 80 Wohnungen. Unter den Anwohnern sind die Dimensionen hoch umstritten.

Die 55 Jahre alte Darstellung des Waldschlösschens ist Teil einer Sammlung von 500 Postkarten mit Motiven aus Münsing. 2015 hat die Kommune alle einem Sammler aus Pähl abgekauft, der anonym bleiben möchte. Bereits im Vorjahr hatte Fritz Wagner vom Ambacher Verlag rund 60 Motive in dem Band "Dorf & See" veröffentlicht. Jetzt hat er ein Folgebüchlein unter dem Titel "See & Dorf" mit weiteren 50 Bildern herausgebracht. "Wir haben uns bei den Motiven noch mehr auf das Starnberger-See-Ufer konzentriert", begründet Wagner die Entscheidung für einen Nachfolgeband. Auf teils nachkolorierten oder bloßen schwarz-weißen Fotografien und gemalten Bildern lässt sich die Entwicklung Münsings von der Jahrhundertwende um 1900 bis in die 1960er-Jahre nachvollziehen - zwischen bäuerlicher Prägung, dem Aufkommen der Sommerfrische und den Anfängen des modernen Tourismus.

Auf einem Foto hat sich eine Familie 1907 vor ihrem Hof in Ammerland ablichten lassen. Gravitätisch sitzen die Herren in Anzug und Weste, mit Krawatte oder Fliege am Wasserbrunnen vor dem Haus. Mit ebenso ernster Miene blicken die Frauen und Kinder in die Kamera. Der Familienhund scheint sich mit hochgerecktem Kopf eigens in Positur zu rücken. Im Bildvordergrund picken die Enten Körner. Wagner erklärt, dass Fotografen zur damaligen Zeit von Dorf zu Dorf gezogen seien, um die Bewohner abzulichten. "Damit haben sie ihr Geld verdient." Welche Ammerlander Familie zu sehen ist, konnte er nicht mehr herausfinden.

In den 1930er-Jahren war der Ausflugsverkehr mit dem Dampfschiff auf dem See längst keine Seltenheit mehr. Am Ambacher Steg legten Schiffe wie die "München" regelmäßig an. Das zeigt eine Fotografie aus der Sammlung um 1934. Davor ist eine der früher gebräuchlichen mobilen Badekabinen im seichten Uferwasser zu erkennen. Die Häuschen aus Holz konnten am Untergrund hin- und hergeschoben werden, um die Badenden vor neugierigen Blicken zu schützen. Es könnte sich um eine Kabine der Ordensschwestern von der Heiligen Familie handeln, vermutet Wagner.

Der Orden hatte in den 1920er-Jahren einen landwirtschaftlichen Betrieb in Ambach eingerichtet. Ein späterer Neubau diente als Erholungsheim für die Schwestern. Das wurde Ende 2011 aufgegeben. Noch lange hätten die Ordensfrauen mobile Badekabinen benutzt, erinnert sich Wagner. Heute nutzt die christliche Communität IHS das Gebäude.

Die Einblicke in frühere Zeiten sind letztlich drei Generationen zu verdanken. Schon der Großvater und der Vater des einstigen Sammlungsbesitzers hatten mit dem Aufbau begonnen. Der hatte seine Motive von Münsing auf Messen und Flohmärkten von Bayern bis Nord- und Ostdeutschland gefunden. An die Gemeinde Münsing verkaufte der Sammler schließlich, um seine Schätze in guten Händen zu wissen. Die Kommune wiederum beauftragte Fritz Wagner, die Aufnahmen zu digitalisieren und zu restaurieren.

Mit dem inzwischen verschwundenen Weiher voller Seerosen samt Pavillon im damaligen Versehrtenheim in Ambach verbinden sich nostalgische Erinnerungen. "Das war früher der Indianerspielplatz der Ambacher Jugend", erzählt der Verleger beim Blick auf eine Fotografie von 1964. Jugend ist auf dem Gelände immer noch zu Hause. Die Stadt München nutzt das Haus heute als Schullandheim.

Schon von Weitem reckte sich einst ein Koloss direkt neben der Holzhauser Pfarrkirche nach oben: Auf der Anhöhe verzweigte sich das knorrige Astwerk der sogenannten tausendjährigen Linde zu einer beeindruckenden Krone aus dem mächtigen Stamm; das Wurzelwerk hatte sich tief in den Boden gekrallt. Doch 1996 setze ein Sturm dem jahrhundertealten Baumriesen ein Ende. Nur noch der Bildstock mit der Marienfigur und der Gedenktafel erinnert an ihre Geschichte. Auf den jetzt veröffentlichten Postkartenmotiven wird der Baum wieder in seiner ganzen Pracht lebendig. Dieser Einblick in vergangene Zeiten fasziniert Wagner. "Gerade die älteren Leute wissen noch, wie es früher war", sagt er. Und das mache die Lektüre so spannend.

See & Dorf: Das Münsinger Ostufer in historischen Bildern und Fotografien, 62 Seiten, Hardcover, Ambacher Verlag, 16,90 Euro, erhältlich im Münsinger Edeka-Markt und bei der Ammerlander Bäckerei Graf sowie im Buchhandel; Kalender für 2018 mit Motiven aus der Sammlung, 9,90 Euro. www.ambacher-verlag.de