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Andreas Wüstefeld berichtet:Der Tourismus bricht ein

Bereits 33 Millionen Euro Verlust in zwei Monaten

Von Alexandra Vecchiato, Bad Tölz-Wolfratshausen

Ein düsteres Bild zeichnet Andreas Wüstefeld, Leiter des Tölzer Land Tourismus. Die Corona-Pandemie hat massive Einbrüche für den Tourismus in Bad Tölz-Wolfratshausen zur Folge. Hat der bedeutende Wirtschaftsfaktor 2019 einen Bruttoumsatz in Höhe von fast 335 Millionen Euro erbracht, ist damit in diesem Jahr nicht zu rechnen. Allein für März und April 2020 beläuft sich das coronabedingte Defizit auf 33 Millionen Euro. "Gerade für unsere Branche sind die Auswirkungen bitter", sagte Wüstefeld am Montag im Kreis-Umwelt- und Tourismusausschuss. "Da rede ich noch nicht mal von einer zweiten Welle."

Der Landkreis lebt von den Touristen. Wüstefeld belegte dies mit Zahlen. Laut einer Erhebung ließen im vergangenen Jahr Übernachtungsgäste 165 Millionen Euro im Kreis, Tagesgäste 169 Millionen Euro. 2019 gab es 7,4 Millionen Tagesreisen ins Tölzer Land. Angesichts der 1,5 Millionen Gästeübernachtungen 2019 "liegt Bad Tölz-Wolfratshausen unter den Top-10-Regionen Bayerns". Doch nun ist alles anders. Weder Wüstefeld noch Landrat Josef Niedermaier (Freie Wähler) rechnen mit "Nachholeffekten". Selbst wenn die zweite Jahreshälfte besser laufen sollte.

Lydia Hofherr bestätigte dies. Der CSU-Kreisrätin gehört das Posthotel Hofherr in Königsdorf. "Wir liegen bei 50 Prozent Stornierungen bis zum Jahresende." Eine einzige Meldung zu den Corona-Fällen bei einem Caterer im Landkreis Starnberg habe gereicht, dass Gruppen ihre Buchungen in Königsdorf abgesagt hätten. Die Gäste besuchten gerne den Biergarten, aber die Innengastronomie laufe schlecht. "Die Menschen sind verunsichert", lautete ihr Fazit.

Ein anderer Brennpunkt ist der Tagestourismus. Ohne ihn würde es in der Tölzer Marktstraße lediglich einen Handy-Franchise-Laden neben dem anderen geben, ist sich Wüstefeld sicher. Man müsse daher beide Seiten der Medaille sehen. Ohne Urlauber würden sich Einrichtungen wie die Bergbahnen nicht halten, die auch Einheimische nutzen. Aber die Masse der Ausflügler müsse künftig gelenkt werden. Denn besser werde die Situation nicht: Angesichts von 35 000 Menschen, die jedes Jahr nach München zuziehen, steige der Druck auf die Region. "Wenn davon nur ein Promille zum Mountainbiken geht, dann spüren wir das unmittelbar", sagte der Tourismusexperte.

Einen Ausweg aus der Zwickmühle weiß Wüstefeld nicht. "Wir brauchen diese Touristen, aber wir müssen sie in Zukunft besser managen." Konkret geht es um die Probleme mit den Ausflüglern an Kochel- und Walchensee. Die Kreis-Grünen schlugen deshalb die Erstellung eines nachhaltigen Tourismuskonzepts vor. Wie Felix Mattes ausführte, müssten Lebensqualität, Naturschutz und sanfter Tourismus langfristig unter einem Hut gebracht werden. Der Kreisrat warb für einen runden Tisch, an dem auch Vertreter aus Miesbach oder dem Allgäu sitzen und ihre Erfahrungen schildern sollten. Schließlich könne man von den Nachbarn lernen. Dieser Prozess solle wissenschaftlich begleitet werden. Einen solchen Austausch gebe es über den Tourismusverband München-Oberbayern, erwiderte Wüstefeld. "Nachhaltiger Tourismus" sei kein Neuland. Wüstefeld erinnerte an die Kampagne "Bewusster leben, Leben spüren" aus dem Jahr 2009. Angesichts der regen Debatte schlug Kreisrätin Cornelia Irmer (Freie Wähler) vor, eine Extra-Sitzung zum Thema Tourismus anzuberaumen.

© SZ vom 14.07.2020

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