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Am Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium:Das Nutellaglas als Mordinstrument

Lena Dobuschinksy und Anton van den Brulle müssen den Begriff "Popcornkühlmaschine" erraten, den zwei hinter ihnen sitzende Spieler mit ihren Händen - die sie durch die weißen Kittel gesteckt haben - pantomimisch verdeutlichen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Unter Leitung von Karl Haider läuft das Ickinger Improtheater zur Höchstform auf. Viele Szenen sind zum Schreien komisch

Von Susanne Hauck, Icking

Wieder einmal hat das Improtheater des Ickinger Rainer-Maria-Rilke-Gymnasiums eine tolle Vorstellung hingelegt. Diese besondere Theaterform ist schon deshalb anspruchsvoll, weil die Darsteller schnell, spontan und schlagfertig sein müssen. Erschwerend kommt hinzu, dass so ein Schülerensemble nie lange konstant bleibt, weil die Mitglieder über kurz oder lang ihr Abi machen. Zusammen mit ihrem Leiter, dem Deutschlehrer Karl Haider, und unter Coaching von Profispielern, meistert das Improtheater seit neun Jahren diese Herausforderung und wächst in jedem Schuljahr zu einer funktionierenden Truppe zusammen.

Im voll besetzten Pädagogischen Zentrum der Schule erklärt Haider am Donnerstagabend den Neulingen im Publikum, dass es beim Improtheater kein Drehbuch gibt, sondern alles aus dem Moment heraus entsteht. "Es wird Szenen geben, die euch in Erinnerung bleiben", ruft er. "Und Szenen, die nicht funktionieren, aber trotzdem lustig sind." Dann schwört Haider die meist jugendlichen Zuschauer auf ihre Mithilfe ein - für eine gelungene Aufführung braucht's Vorschläge für Situationen, in denen das Ganze spielen soll. Fünf, vier, drei, zwei, eins, los!, wird dann eingezählt, und dann gehört die Bühne auch schon den Schülern: Marie Hell, Susanna Schmid, Matej Kelava, Lena Dobuschinsky, Katharina d'Huc, Silvana Paxmann, Lucia Deangeli, Marie Viehmann, Julia Doktor, Lucia Eckel, Niko Walter, Kristian Konrad und Anton van den Brulle.

Das Improtheater lebt vom irre hohen Tempo und den abrupten Wendungen. Das funktioniert zum Beispiel so: Ein Mädchen wälzt sich unter vielen Verrenkungen am Boden. Der eine Darsteller kommentiert das mit "Du musst an deiner Shootingpose arbeiten!", der nächste mit "Sex hatte ich mir anders vorgestellt", der dritte hilft der jungen Frau mit den Worten "Willkommen bei den Zeugen Jehovas" vom Boden auf, ehe der vierte ein Wrestling-Intermezzo daraus macht.

So entstehen zum Schreien komische Auftritte und es spinnen sich die skurrilsten Geschichten zusammen, in denen die Kanalisation zum Badeparadies, das Nutellaglas zum Mordinstrument und ein Bademeister zum Märchenhelden wird.

Im zweieinhalbstündigen Programm gibt es nur wenige Durchhänger. Merkt Moderator Haider, dass sich eine Situation nicht recht weiterentwickelt, funkt er mit dem Zuruf "Szenenwechsel!" dazwischen oder die Schüler klatschen sich gegenseitig ab. Auch das gehört zu den Regeln für die verschiedenen Spiele.

Eines der schwierigsten heißt "Genrefreeze", was Marie Hell und Matej Kelava zu höchster Form auflaufen lässt. Ein vom Publikum ausgehändigter Gegenstand - hier ist es eine Eieruhr in Törtchenform - begleitet sie in den verschiedenen Filmgenres, die auf Kommando wechseln: Im Western gerät die Eieruhr zum Goldnugget; im Monumentalfilm wird sie von Matej gleich einem biblischen Stab gen Himmel gereckt, wozu Marie "Moses, was bringst du uns" einfällt; im Krimi wird sie zum Mordinstrument umfunktioniert und in der Trödel-Show "Bares für Rares" gar noch als Sammlerstück wie unter der Lupe fachmännisch begutachtet. Musikalisch wird dieses Spiel von Philipp von Unold am Piano mit genretypischen Melodien untermalt.

"Das Zettelspiel ist ein Klassiker, den ich mich nicht traue wegzulassen", sagt Haider und verstreut auf der Bühne Papierschnipsel, auf welche die Zuschauer vorher Sätze notiert haben. Die Darsteller müssen sie vom Boden aufheben und in die Spielhandlung einbauen: "Lecker Gurke" wirkt genauso unfreiwillig komisch wie der Satz "Herrn Haiders Schuhe sehen heute wieder super aus", was die Schüler im Publikum zu Heiterkeitsausbrüchen bewegt, schließlich ist der Lehrer für seine coolen Turnschuhe bekannt und trägt an diesem Abend ein knallig-rotes Paar.

Vier Jungen und neun Mädchen umfasst das Ensemble: Ein Schüler ist in der neunten Klasse, das Gros in der zehnten, elften oder zwölften, zwei haben vergangenes Jahr ihr Abi absolviert. Es ist großartig zu sehen, wie aus den Debütanten mit den Jahren alte Hasen werden, die mit jeder Situation klar kommen. Im gesamten Ensemble steckt so viel Potenzial. Dem einen fällt wirklich zu jeder noch so blöden Situation ein guter Satz ein, die andere nutzt ihr pantomimisches Talent, die Dritte kann auf Kommando Verse reimen und der Vierte punktet mit seinem trockenen Wortwitz. Ihr Lohn sind donnernder Applaus und wahre Begeisterungsstürme.

© SZ vom 18.03.2019

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