Als"Hundehütte" geschmäht Angeeckt

Der Grundriss der evangelischen Versöhnungskirche in Geretsried ist eine zellenartige Struktur aus sechseckigen Waben.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Architekt Franz Lichtblau hat die Petrus- und die Versöhnungskirche in Geretsried entworfen. Die ersten Reaktionen waren abweisend

Von Kaija Voss, Geretsried

Die Petruskirche in Geretsried: eine moderne Betonkonstruktion mit frei stehendem Glockenturm und großzügig verglastem Eingangsgiebel. Ein Zelt aus Beton. Der Grundriss nähert sich einem Zentralraum an, der Weg vom Eingang zum Altar ist etwas länger, als die Kirche breit ist. Der Bau im Sinne eines Zelts soll an das Unterwegs-Sein erinnern: Vertriebene und Flüchtlinge waren die ersten Einwohner der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg. Theologisch steht auch das "wandernde Gottesvolk" mit einem Zelt in Verbindung.

In Geretsried wurden zunächst die Bunker aus der Zeit der NS-Rüstungsbetriebe zu Kirchen, Wohnhäusern und öffentlichen Bauten. Von 1951 an haben die ersten etwa 400 evangelischen Christen ihr Domizil in der so genannten Bunkerkirche an der Jahnstraße. Der Bau einer eigenen Kirche und der Name "Petruskirche" ist der große Wunsch der noch jungen Gemeinde. Durch den Jünger Petrus seien "die Stärke, die Schwäche und der Auftrag der Gemeinde auf Erden ganz besonders deutlich geworden", so heißt es im Pfarrbrief "Petrusbote" von 1960.

Der in Bad Tölz geborene Architekt Franz Lichtblau konzipierte die am 30. Oktober 1960 eröffnete Kirche. Der Bau wurde in kurzer Zeit, in nur sieben Monaten, fertig gestellt. Manchen galt er zunächst als "Schaf-Stall". Doch die Wahrnehmung und Akzeptanz des auf den ersten Blick sehr ungewöhnlichen und viel zu modern anmutenden Gebäudes wandelte sich zusehends zum Positiven.

Lichtblau arbeitete viel mit dem Künstler Hubert Distler zusammen, der die christliche Symbolik in einem stark abstrahierenden Stil darstellte. Das auf dem Kirchturm schon während der Bauzeit angebrachte Mosaik aus Solnhofer Kalkplatten, Schiefer und Klinker stammt von ihm: Links der Name "Petruskirche", rechts davon folgt die Darstellung des Apostels Petrus als Fischer, im Netz zwei dicke Fische.

Das hell leuchtende Kreuz vor dem Gesicht von Petrus weist seinen Weg. Das Wandbild im Inneren der Kirche, ebenfalls von Hubert Distler, zeigt drei Szenen des Apostels: Den versinkenden Petrus, den verleugnenden Petrus und den Petrus, der die Abendmahlgemeinschaft der Christen in Antiochien bricht - ein sehr seltenes Motiv. Trotz dessen Scheitern breitet Christus in der Mitte des Bildes die Arme aus und nimmt den Jünger zu sich auf.

Das Taufbecken aus der einstigen Bunkerkirche, eine Arbeit von Marianne Wendt aus Schwandorf (1955), steht inmitten des eher nüchternen und bis auf das große Wandbild schmucklosen Raumes. An beiden Seiten wird er über große senkrechte Milchglasfenster wirkungsvoll belichtet. Ein weiter Kranz aus Hängelampen, der sich über dem Kirchengestühl befindet, folgt wieder der Idee des Zentralraums - der christlichen Gemeinschaft.

Im Jahr 1963 gibt es bereits 1400 evangelische Gemeindemitglieder in Geretsried, Tendenz steigend. Der Wunsch nach einem eigenen Raum im Süden der Stadt wird laut, bisher waren die Protestanten im Pfarrhaus der katholischen Maria-Hilf-Kirche untergekommen. Neun Jahre nach Eröffnung der Petruskirche folgt ein zweiter Aufsehen erregender Bau: die Versöhnungskirche. Ein wenig erinnert sie mit ihrer Fassade aus Holzschindeln an Bauten in Skandinavien.

Der Einweihungsgottesdienst fand 1970 statt. Wieder war der Architekt Franz Lichtblau für die Architektur verantwortlich. Neben Olaf Andreas Gulbransson, dem Sohn des Zeichners und Malers Olaf Gulbransson, Gustav Gsaenger und Reinhard Riemerschmid gehört er zu den Architekten, die Bayerns Kirchenbau im 20. Jahrhundert maßgeblich geprägt haben. Im Lebenswerk des Architekten finden sich Kirchen wie die evangelische Auferstehungskirche in Oberaudorf (1957/58), die Michaelskapelle in Dietramszell (1961), die Emmauskirche in München-Harlaching (1964) oder die Umgestaltung der Johanneskirche in Bad Tölz (1970). Seine Immanuelkirche im Münchner Nordosten, mit Zeltdach und frei stehendem Glockenturm, ähnelt der Geretsrieder Petruskirche, ist aber erst 1965 erbaut.

Die so genannte "Siebeneckkirche", die evangelische Kirche in Übersee am Chiemsee von 1965, zeigt, ebenso wie die Versöhnungskirche, ein geometrisches Prinzip: Den Grundriss der Geretsrieder Kirche bildet eine zellenartige Struktur aus sechseckigen "Waben". Das damals von einer Traunreuter Firma entwickelte "Trelement-Bausystem" bot sich für die Realisierung an. Jede Wabe umfasst eine Fläche von 25 Quadratmetern. Auch der überhöhte Altarraum ist in einer der Waben untergebracht. Geschmückt wird er wieder von einem Wandbild von Hubert Distler zum Thema "Versöhnung".

Das Echo auf die neue evangelische Kirche in Geretsried war wieder gespalten, es reichte von restloser Begeisterung über den modernen Bau bis zur harschen Kritik und den Bezeichnungen "Hundehütte" oder "Bedürfnisanstalt". Die Idee der Schindelbauweise wurde jedoch im Jahr 1978 noch einmal aufgegriffen, als das Ensemble durch ein Pfarrhaus ergänzt wurde.